Sylvia Kranefeld
Sekten
Aufklärung statt Therapie
Ein Blick hinter die Fassade der Neuapostolischen Kirche
In Absprache mit der Verfasserin wurde deren Schrift aus dem Jahr 1994 in den Computer eingetippt, damit sich diese im Internet zur Aufklärung und Information verbreiten kann. Die Urheberrechte der Verfasserin bleiben dadurch unberührt.
In diesem Buch geht es um die Frage einer verantwortungsvollen Aufklärungsarbeit über Sekten, die die Verfasserin vom Staat und von den Kirchen fordert.
Am Beispiel der Neuapostolischen Kirche, der grössten Sekte in unserem Land, kommt die Autorin ihrer eigenen Forderung nach. Sie schildert die Glaubensinhalte dieser Sekte und wie sich diese Lehre auf das Leben der Mitglieder auswirkt. Dem Leser wird auch nicht verschwiegen, auf welche Art und Weise bereits Kinder und Jugendliche in dieser Sekte beeinflusst werden. Die Auswirkungen wie Abhängigkeit, Verunselbständigung, Isolation und Verlust der Eigenständigkeit werden ebenso berücksichtigt.
*
Vorwort
In der Bundesrepublik Deutschland gibt es sehr viele Sekten sowie religiöse Gemeinschaften. Allein in Berlin sind es laut Angabe des Landeskirchlichen Beauftragten für Sekten- und Weltanschauungsfragen zirka vierhundert.
Diese Zahlen sollen verdeutlichen, wie umfangreich das Thema "Sekten sowie religiöse und weltanschauliche Gemeinschaften" hierzulande ist.
Für einen Laien auf diesem Gebiet ist es kaum noch möglich, den Überblick zu behalten. Doch gerade das ist nötig, denn das Problem geht uns alle an.
Deshalb halte ich eine sachgemässe Information über die Inhalte der verschiedenen Gruppen für dringend erforderlich.
Nun ordnen die Grosskirchen (evangelische und katholische Kirche) die verschiedenen Gruppen bestimmten Kategorien zu. So findet man zum Beispiel im Handbuch religiöse Gemeinschaften
1), das im Auftrag des Lutherischen Kirchenamtes herausgegeben wurde, folgende Unterteilung:1. Freikirchen:
Kirchen und Gemeinschaften, die aus dem Bemühen um die Erneuerung urchristlichen Gemeindelebens entstanden sind und zu denen ökumenische Beziehungen bestehen oder möglich sind.
2. Sondergemeinschaften:
Gemeinschaften, die teilweise Beziehungen zu den Kirchen haben, aber Sonderlehren vertreten, die in einigen Fällen auch sektiererische Züge tragen; bei einigen dieser Gemeinschaften sind die Mitglieder zugleich Glieder der Landeskirche.
3. Sekten:
Gemeinschaften, die mit christlichen Überlieferungen wesentliche ausserbiblische Wahrheits- und Offenbarungsquellen verbinden und in der Regel ökumenische Beziehungen ablehnen.
4. Esoterisch-neugnostische Weltanschauungen und Bewegungen:
Weltdeutungssysteme mit religiösen Funktionen teils mit, teils ohne Kultgemeinschaft.
5. Missionierende Religionen des Ostens, Neureligionen und "Jugendreligionen":
Bewegungen mit Einflüssen aus unterschiedlichen Religionen.
6. Psycho-Organisationen:
Organisationen und Bewegungen, die Psychotechniken unterschiedlicher Herkunft gebrauchen, um das Leben und Verhalten ihrer Mitglieder zu ändern und zu regulieren.
Um des besseren Verständnisses willen werde ich in meiner Darstellung den Begriff Sekte ganz allgemein und wertfrei benutzen, da er in unserem Sprachgebrauch üblich ist.
Nur eine deutliche Aufklärung über Sekten kann davor schützen, in die Abhängigkeit einer solchen zu geraten.
Wie schwierig es ist, umfangreiche Informationen über eine Sekte zu bekommen, ist mir im Zusammenhang mit der Neuapostolischen Kirche, der hierzulande grössten Sekte, bewusst geworden.
Das Problem, auf das ich bei der Suche nach Informationen über diese Sekte gestossen bin, ist praktisch auf alle Sekten übertragbar, denn eine wirkliche Aufklärung findet in unserem Land nicht statt.
Die meisten evangelischen Landeskirchen in Deutschland haben zwar Sekten- und Weltanschauungsbeauftragte, und auch die katholische Kirche stellt entsprechende Ansprechpartner zur Verfügung, aber ist das nicht nur ein Tropfen auf den heissen Stein?
Für Berlin-Brandenburg zum Beispiel gibt es einen evangelischen Beauftragten für Sekten- und Weltanschauungsfragen sowie einen von der katholischen Kirche. Stellt man die Zahl von zirka vierhundert verschiedenen Gruppen den beiden Ansprechpartnern gegenüber, dann wird einem deutlich, wie dringend notwendig weitere Beratungsstellen wären.
Diese Beratungsstellen müssten auf zwei verschiedenen Ebenen tätig werden:
Gerade für Hilfesuchende, die bereits einer Sekte angehören, wären konfessionsfreie Beratungsstellen dringend erforderlich. Wer mit einer "Kirche" Schwierigkeiten hat, wird sich mit seinen Problemen leichter an eine neutrale Stelle wenden als an eine andere Kirche. Deshalb sehe ich hier auch die Aufgabe unseres Staates, den Menschen Hilfe zu leisten, die bereits in die Abhängigkeit einer Sekte geraten sind. Wer in einer Sekte ist und dort Schwierigkeiten hat, befindet sich in einer aussergewöhnlichen Notlage.
Innerhalb seiner Gruppe kann und darf er nicht über seine Schwierigkeiten und seelischen Konflikte sprechen.
Ausserhalb findet er praktisch keine geeigneten Ansprechpartner, weil es kaum Beratungsstellen für dieses Problem gibt.
Des weiteren stösst ein Sektenmitglied im allgemeinen noch auf grosses Unverständnis bei seinen Mitmenschen, die ausserhalb leben, weil diese durch mangelnde Informationen kaum mit diesem Problem umgehen können und deshalb auch nicht in der Lage sind, sich in die Not des Hilfesuchenden zu versetzen. Auch diese Tatsache ist aus meiner Sicht ein wichtiger Grund, die Allgemeinheit über Sekten aufzuklären.
Eine gute Aufklärungsarbeit könnte so manche Not verhindern helfen. Dabei geht es mir weniger um die theologischen Inhalte, als darum, dass deutlich gemacht werden muss, in welche psychische Abhängigkeit Sektenmitglieder im allgemeinen geraten. Natürlich steht diese Abhängigkeit immer im Zusammenhang mit der entsprechenden Lehre der Sekte und kann auch nur aus diesem Zusammenhang heraus verstanden werden.
Solange es an ausreichenden Informationen über Sekten mangelt, ist der Weg in eine Sekte, und damit in eine Anhängigkeit, sehr schnell geschehen. Der Weg hinaus ist dagegen oftmals sehr schmerzhaft und langwierig.
An dieser Stelle möchte ich all denjenigen Mut machen, die Probleme mit einer Sekte haben oder hatten, sich damit an die Öffentlichkeit zu wenden. Die Öffentlichkeit muss erfahren, welche Not und Schwierigkeiten Sektenmitglieder haben, die an der Lehre ihrer Sekte Zweifel bekommen. Auch die Probleme ehemaliger Sektenmitglieder und der schwierige Weg heraus darf der Öffentlichkeit nicht länger verborgen bleiben.
Jeden einzelnen Menschen bitte ich, dieses Problem nicht zu belächeln und zu verharmlosen. Wer sich verantwortungsvoll seinen Mitmenschen gegenüber verhalten möchte, wird erkennen, welche Not aus jedem einzelnen Schicksal spricht.
Es gab einmal einen Werbespruch: "Vorbeugen ist besser als bohren."
Im Zusammenhang mit der Sektenproblematik sage ich:
Aufklären ist besser als therapieren !!!!!
Einige Religiöse Gemeinschaften
Die folgende Aufstellung ist ein Auszug aus dem Handbuch Religiöse Gemeinschaften. Sie soll dem Leser eine Hilfe sein, die bekanntesten Gruppen besser einordnen zu können.
Definition des Begriffes "Sekte"
Der Evangelische Erwachsenen Katechismus
2) definiert das Wort "Sekte" wie folgt:"Die Herkunft des Wortes ist nicht ganz klar. Wahrscheinlich kommt es vom lateinischen Wort sequi = folgen, einem Lehrer oder Meister nachfolgen. Möglicherweise hat aber auch das lateinische Wort secare = abtrennen auf das Wort 'Sekte' eingewirkt."
3)
Knaurs Lexikon A – Z gibt folgende Definition:
"Sekten (lateinisch 'secare = schneiden'), religiöse Sondergemeinschaften, die sich von einer Grosskirche getrennt haben; neben Freikirchen und christlichen Sondergemeinschaften aus dem angelsächsischen Raum in der Bundesrepublik heute auch zahlreiche fremdreligiöse Gruppen (z.B. Mun-Sekte, Hare-Krishna-Bewegung, Scientology, Transzendentale Meditation)."
Da die Zuordnung einer christlichen Gemeinschaft in den Bereich der Sekten nicht ganz einfach ist, gibt der Evangelische Erwachsenen Katechismus hierzu einige Fragen als Hilfestellung. Sie sollen helfen, objektive Massstäbe an die verschiedenen Sekten zu setzten.
Da sich diese Fragen auf den christlichen Glauben beziehen, können sie nicht auf fremdreligiöse und freireligiöse Gruppen angewandt werden.
Schläft unser Staat?
In vielen Bereichen unseres täglichen Lebens spüren wir, wie der Staat durch Gesetze in unser Leben eingreift. So zum Beispiel hält es der Staat für seine Pflicht, die Landenöffnungszeiten vorzuschreiben.
Aber auch in aufklärerischer Weise wird unser Staat zum Teil tätig, um den einzelnen auf Gefahren aufmerksam zu machen und vor Risiken zu warnen. Seit Jahren hat es sich unser Staat zur Aufgabe gemacht, in grossem Masse vor Drogen und Alkohol zu warnen. Der Staat bedient sich hierfür sämtlicher Medien, um möglichst die gesamte Bevölkerung zu erreichen. Tagtäglich werden wir auf diese Gefahren aufmerksam gemacht, um vor den Folgen einer Drogenabhängigkeit oder denen des Alkoholismus gewarnt zu werden.
Eine solche Aufklärungsarbeit ist sinnvoll und in vielen Fällen erfolgreich. Haben diese Warnungen nicht auch dazu geführt, dass wir heute eine andere Einstellung zu diesem Thema haben? Hat sich nicht zumindest bei einem Teil der Bevölkerung die Einstellung zu Abhängigen geändert?
Ist der Alkoholismus nicht inzwischen sogar als Krankheit anerkannt worden und hat damit einen anderen Stellenwert in unserer Gesellschaft bekommen als noch vor einigen Jahren?
Natürlich hilft das alles nicht viel für die Menschen, die in einer dieser Abhängigkeiten leben. Ein Entzug ist immer qualvoll und langwierig. Aber ist es nicht doch ein Unterschied, ob ein Mensch als Penner und Versager behandelt wird oder als Kranker?
Gerade der Aspekt einer verantwortungsvollen Aufklärung auch durch den Staat liegt mir besonders am Herzen, denn ich bin der Meinung, dass unser Staat das Problem Sekten noch nicht voll erkannt hat.
Die Probleme unserer Zeit tragen dazu bei, dass Menschen in Abhängigkeiten geraten und nur sehr schwer wieder herausfinden – wenn überhaupt.
Suchen nicht gerade heute, in dieser schwierigen Zeit, viele Menschen nach einem neuen Halt in ihrem Leben, nachdem sie zum Teil den Boden unter den Füssen verloren haben?
Leben wir nicht in einer Zeit, die geradezu ein Nährboden für die Ausbreitung von Sekten ist?
In einem freiheitlichen Staat kann man natürlich keinem Menschen vorschreiben, wie er zu leben und was er zu glauben hat, aber man kann und muss aufklären und auf Gefahren hinweisen.
Wer ist nun dafür zuständig? Das sind meiner Meinung nach die Aufgaben des Staates und der Landeskirchen.
Bisher findet eine gezielte Aufklärung nicht statt, und die Gefahren werden zum Teil verharmlost.
Sind psychische Abhängigkeiten und Verunselbständigung keine Gefahren? Ist es keine Gefahr, wenn ein Mensch nicht mehr in der Lage ist, seine eigene Persönlichkeit zu entwickeln und zu entfalten?
Nun muss man sich auch einmal fragen, wodurch es zu einer so starken Aufklärungsaktion über Alkohol, Drogen und Aids gekommen ist.
Nachdem genügend Menschen ihr Leben verloren haben, wurde unser Staat wach und begann, sich mit diesem Problem zu beschäftigen.
Ähnlich ist es auch bei Sekten. Solange jedoch keine von dem Gesetzt greifbaren Straftaten geschehen, hält sich unser Staat bedeckt.
Müssen wirklich immer erst Straftaten begangen werden, ehe unser Staat ein Problem ernst nimmt und uns schützt? Die meisten Sekten sind keine kriminellen Vereinigungen, und deshalb werden Straftaten auch nur selten vorkommen. Sind sie deshalb ungefährlich? Nur weil wir keine Leichen am Strassenrand finden, kümmert sich unser Staat nicht darum. Was ist mit der psychischen Abhängigkeit, die im allgemeinen von Sekten ausgeht? Was ist mit der Verunselbständigung, die in vielen Sekten regelrecht trainiert wird? Was ist mit der Persönlichkeitsentwicklung und –entfaltung, die in den meisten Sekten unmöglich ist?
Interessiert das alles unseren Staat nicht?
Sekten sind meiner Meinung nach vergleichbar mit Drogen. Sie führen in eine psychische Abhängigkeit, und der Ausstieg ist genauso schwierig wie der Entzug von Drogen.
Es geht mir nicht darum, Sekten verbieten zu wollen oder zu diffamieren. Mir geht es darum, Menschen vor den Gefahren zu warnen, die von Sekten ausgehen. Wer sich trotz aller Warnungen einer Sekte anschliessen möchte, dem sei diese Freiheit gegeben. Wir leben in einem freien Land und haben das Recht auf die Freiheit unseres Glaubens. Wenn ich jedoch das Recht habe, mich frei für oder gegen eine Sache zu entscheiden, dann muss ich auch erfahren können, worum es wirklich geht.
Und hier fängt das Problem schon an. Wirklich verständliche und sachgemässe Aufklärung über die Inhalte der verschiedenen Sekten gibt es nur wenige. Die meiste Literatur zum Thema Sekten stellt hauptsächlich die theologischen Inhalte dar. Die Auswirkungen auf das tägliche Leben eines Sektenmitgliedes und die psychischen Probleme werden kaum behandelt. Eine verantwortungsvolle Aufklärungsarbeit sollte diese Punkte jedoch berücksichtigen.
Wird man von einem Sektenmitglied angesprochen, so kann man wohl kaum erwarten, wirklich sachgemäss und umfassend aufgeklärt zu werden.
Nun dürfen wir das ganze Problem aber auch nicht zu leicht nehmen und sagen, dass jeder allein herausfinden sollte, ob er sich einer Sekte anschliesst oder nicht. Die Abhängigkeit, in die man gerät, entsteht sehr schnell, und deshalb kann man niemandem raten, es einfach auszuprobieren. Aufklärung muss vorher geschehen und nicht erst dann, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist.
Wie aber soll man wissen, hinter welchem Namen, hinter welcher Organisation sich eine Sekte verbirgt? Eine solche Gemeinschaft wird sich niemals als Sekte zu erkennen geben, da sie sich selbst auch nicht als solche versteht.
Auch die Mitglieder sind sich dieses Problems nicht bewusst, solange sie sich mit ihrer Gemeinschaft identifizieren können. Kommen jedoch Zweifel auf und setzt kritisches Denken wieder ein, beginnen die Probleme.
Wir sollten uns davor hüten, Mitglieder einer Sekte als Spinner zu sehen. Es sind Menschen wie wir, die aus irgendwelchen Gründen in eine solche Abhängigkeit geraten sind und deshalb viel eher unsere Unterstützung benötigen denn ein mitleidiges Lächeln.
Sektenmitglieder kommen aus allen Schichten unserer Gesellschaft. Wir können uns nicht damit beruhigen, indem wir das Problem auf bestimmte gesellschaftliche Gruppen übertragen. Damit würden wir uns nur etwas vormachen, um das Problem von uns zu schieben. Dieses Problem geht uns alle an. Früher hat man das Drogenproblem, den Alkoholismus und auch Aids so sehen wollen. Heute wissen wir, dass auch diese Einstellung nicht der Wahrheit entspricht.
Allerdings hat auch eine gezielte Aufklärungsarbeit dazu beigetragen, dass wir diese Dinge heute anders, ja, verantwortungsvoller sehen und beurteilen können.
Hier hat der Staat mit dazu beigetragen, uns auf Gefahren aufmerksam zu machen. Was jedoch eine gezielte Aufklärungsarbeit über Sekten angeht, so hat er bisher mehr oder weniger geschwiegen und aus meiner Sicht versagt.
An dieser Stelle möchte ich noch einmal deutlich machen, was ich unter einer gezielten und verantwortungsvollen Aufklärungsarbeit verstehe:
Es ist keine Aufklärung, wenn die Öffentlichkeit zwar weiss, dass Sekten gefährlich sind, jedoch nicht weiss, hinter welchem Namen oder welcher Organisation sich eine solche verbirgt.
2. Eine sachlich fundierte Aufklärung über die Inhalte der einzelnen Sekten.
Sachlich fundiert heisst für mich: inhaltlich richtig und verständlich. Es geht mir hierbei darum, die Besonderheiten einzelner Gruppen darzustellen.
3. Auswirkungen auf das tägliche Leben eines Sektenmitgliedes.
Darunter verstehe ich eine ständig beibehaltene und wiederkehrende Aufklärungsarbeit, damit wirklich jeder die Möglichkeit hat, diese Informationen zu erhalten, zu verarbeiten und zu verinnerlichen.
Eine solche Aufklärung kann in Form von Broschüren, in Zeitschriften und über das Fernsehen geschehen.
Ausserdem wären Beratungsstellen erforderlich. Nicht einige wenige, die völlig überlastet sind, sondern ausreichend viele, die sich intensiv mit diesem Problem befassen, um sinnvoll helfen zu können.
Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn Menschen Hilfe suchen und einfach abgewimmelt werden, weil sie niemanden finden, der sich wirklich mit ihnen und ihren Problemen hilfreich beschäftigt.
Nun kommt natürlich der Einwand des Staates, dass er sich immer wieder mit bestimmten Sekten beschäftige. Das ist sogar richtig. Es handelt sich bei diesen Gruppen, um die unser Staat sich kümmert und die er in der Öffentlichkeit bekannt macht, immer um solche, die in extremer Weise auffällig geworden sind. Medienwirksame Ereignisse werden in die Öffentlichkeit getragen. Also doch nach dem Motto, dass immer erst etwas passieren muss, ehe der Staat seine Verantwortlichkeit erkennt und sich dieser stellt? Oder geht es vielmehr darum, ob eine Sekte dem Staat "unbequem" erscheint?
Ich denke da zum Beispiel an die Zeugen Jehovas. Es kommt nicht selten vor, dass wir über diese Sekte etwas in den Medien hören oder lesen. Hier geht es immer wieder darum, dass diese Gruppe unter anderem Bluttransfusionen verbietet. Sicher ein wichtiger Punkt als Information für die Öffentlichkeit. Diese Sekte hat aber auch eine eigene Einstellung zum Staat. Sie zahlen zwar Steuern und erfüllen die Schulpflicht, aber sie lehnen strikt die Symbole eines Staates (Hymne, Flagge) ab. Des weiteren lehnen sie den Wehr- und Zivildienst ab und beteiligen sich nicht an Wahlen.
Auch Scientology dürfte inzwischen dem grössten Teil der Bevölkerung ein Begriff geworden sein. Diese Gruppe kommt ebenfalls immer wieder in den Medien zur Sprache. Hier geht es auch um wirtschaftliche Aspekte, und diese sind für unseren Staat nun mal von grosser Bedeutung.
Bei meinen Bemühungen um Unterstützung durch den Staat für eine verantwortungsvolle Aufklärungsarbeit wurde mir deutlich, dass der Staat sich nicht so richtig an eine gezielte Aufklärungsarbeit über Sekten herantraut.
Von der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten in Berlin erhielt ich die Auskunft, dass der Senat bereits von einer Sekte verklagt worden sei und nun befürchte, auch andere Sekten könnten – bei einer entsprechenden Aufklärungsaktion – gegen den Senat klagen.
Muss man hier nicht doch einmal hellhörig werden? Welche Gruppe oder Organisation hat es denn nötig, den Staat oder einfache Bürger zu verklagen, nur weil diese öffentlich über sie berichten? Ist diese Tatsache allein nicht schon ein Hinweis darauf, dass dort etwas nicht stimmt? Ist solch ein Verhalten nicht Anlass genug, eine verantwortungsvolle Aufklärungsarbeit zu betreiben?
Dass es solche Klagen gibt, sei anhand eines Zeitungsartikels vom 21.1.1989 deutlich gemacht.
Sekten–Kirche zeigt ffn–Kirchenfunk an
rgs HANNOVER. Wirbel um Kirchenfunksendung: Die"Neuapostolische Kirche" hat Strafanzeige gegen den evangelischen Kirchenfunk erstattet. Grund: Ein Beitrag über Sekten-Aussteiger, der am 6. November des vergangenen Jahres bei "Radio ffn" gelaufen war.
Der verantwortliche Redakteur, Jürgen Gutowski (33), liess dabei den Schriftsteller und Journalisten Heinz-Peter Tjaden (39) zu Wort kommen, der ein Buch ("Insel des Zweifels") über seine eigene Sekten-Karriere geschrieben hat. Gegen Gutowski und Tjaden laufen nun Vorermittlungen der hannoverschen Staatsanwaltschaft wonach beide eine Weltanschauung und eine Kirche verunglimpft haben.
Der 39jährige Hannoveraner warf der "Neuapostolischen Kirche" vor, sie habe kein Interesse an mündigen Mitgliedern. Und: "Die Neuapostolische Kirche bezeichnet Diktaturen als Gottes Dienerinnen, die Kirchenleitung hat im Dritten Reich mit Hitler zusammengearbeitet." Unmittelbar nach der Sendung waren Protestanrufe wütender Gemeindemitglieder eingegangen. Die "Neuapostolische Kirche" stellte Strafanzeige.
Die Verklagten nehmen's gelassen. Gutowski: "Ich kann mir keine Vorwürfe machen, da wir nach demokratischen Grundsätzen arbeiten. Im Februar senden wir wieder Beiträge über Sektenaussteiger. Darin wird eine ehemalige Neuapostolische zu Wort kommen." Derzeit will sich die "Neuapostolische Kirche" zu ihrer Strafanzeige nicht äussern.
Auch die Tatsache, dass einige Sekten ihre Literatur nicht öffentlich vertreiben, scheint mir nicht uninteressant und sollte kritisch hinterfragt werden. Gerade diese Tatsache macht es auch sehr schwer, sich selbständig zu informieren. Sämtliche Werbebroschüren der verschiedenen Gruppen beinhalten natürlich nur die Tatsachen, die ein positives Bild abgeben. Sie entsprechen sicher nicht der Unwahrheit, aber ist es nicht andererseits nur eine Teilwahrheit, wenn nicht alles gesagt wird, was wichtig ist?
Mir geht es aber um die ganze Wahrheit im Sinne einer verantwortungsvollen Aufklärung.
Ich habe gefordert, dass Sekten namentlich genannt werden müssen, damit man sie besser erkennen kann. Das möchte ich hier tun und anhand eines Beispiels meiner Forderung, Aufklärung zu betreiben, selbst nachkommen.
Die Neuapostolische Kirche
Die Werbebroschüre der Neuapostolischen Kirche ist ein sechzehnseitiges Heft im DIN-A5-Format. Viele Farbfotos, zum grössten Teil mit strahlenden Menschen, umrahmen die Selbstdarstellung der Neuapostolischen Kirche.
Die gesamte Aufmachung dieser Werbebroschüre ist sehr ansprechend und lässt erkennen, dass hier ein Werbefachmann sein Können eingesetzt hat.
Abweichend von den Originaltexten der Neuapostolischen Kirche werde ich einige Passagen daraus jeweils durch Fettdruck besonders hervorheben, um somit in besonderer Weise darauf aufmerksam zu machen. Alle neuapostolischen Texte werden zur Verdeutlichung kursiv angeführt.
Im folgenden nun der Text der Broschüre, die den Titel Die Neuapostolische Kirche hat und deren Zahlenangaben dem Stand von 1991 entsprechen.
Vorwort
Die Neuapostolische Kirche umfasst in mehr als 170 Ländern auf allen Kontinenten über 40'000 Gemeinden.
Zu ihr bekennen sich gegenwärtig rund sieben Millionen Menschen aller Hautfarben und Bevölkerungsschichten.
Auch in unserem Ort, in unserer Region gibt es die Neuapostolische Kirche:
Anlass für uns, Sie aus erster Hand zu informieren.
Die Neuapostolische Kirche
Die von Jesus gegründete Gemeinde, die Urkirche, war apostolisch, denn sie wurde von Aposteln geleitet.
Der Name Neuapostolische Kirche besagt, dass die ursprüngliche apostolische Kirche wieder aufgerichtet ist.
Als Fortsetzung der Urkirche stimmt die Neuapostolische Kirche mit ihrer Vorangängerin überein.
Wie damals
Staatliche Unterstützung wird nicht beansprucht, Kirchensteuer nicht erhoben.
Die Kirche erlässt keine Verbote, sondern sie gibt Ratschläge.
Die Amtsträger sind Laien, ein Theologiestudium ist für sie nicht erforderlich.
Sie üben ihre Seelsorgetätigkeit ehrenamtlich und ohne Bezahlung aus.
Unentgeltlich werden alle Segnungen und kirchlichen Handlungen ausgeführt, z.B. bei Trauungen, Hochzeitsjubiläen und Trauerfeiern.
Familien- und Krankenbesuche sowie die Betreuung von Kindern und Jugendlichen nehmen in der Seelsorge einen wichtigen Platz ein.
Der neuapostolische Christ
Die Organisation
Zum neuapostolischen Glauben bekennen sich Menschen aller Hautfarben und Bevölkerungsschichten, verteilt auf alle Kontinente und viele Nationen.
Die Gottesdienste werden in den Landes- und Stammessprachen gehalten. In den meisten Ländern ist die Neuapostolische Kirche als juristische Person anerkannt.
Alle neuapostolischen Gemeinden der Erde bilden zusammen die Neuapostolische Kirche, geleitet vom Stammapostel. Die neuapostolischen Gemeinden eines Landes oder einer Region sind zusammengefasst zu einem Apostelbezirk, dem ein Bezirksapostel vorsteht. Apostel, Bischöfe und Bezirksvorsteher betreuen im Auftrag des Bezirksapostels die ihnen zugewiesenen Arbeitsbereiche.
Die seelsorgerische Betreuung jeder Gemeinde ist einem Vorsteher anvertraut, der ein priesterliches Amt trägt. Ihm sind weitere Amtsträger zur Hilfe gegeben. Die Seelsorger der Neuapostolischen Kirche sind Männer aus den verschiedensten Berufen und Bevölkerungsschichten. Ihren Dienst verrichten sie bis auf wenige Ausnahmen nebenberuflich und unentgeltlich.
Die Neuapostolische Kirche hat ihren Hauptsitz in der Schweiz (Zürich) und wird von Stammapostel Richard Fehr geleitet.
Die Geschichte
In Schottland, England und Deutschland sehnten sich im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts gläubige Christen zurück nach der ursprünglichen Jesulehre. Sie beteten um die erneute Ausgiessung des Heiligen Geistes und die erneute Sendung von Aposteln. Die Bitten wurden erhört. Durch Weissagungen aus dem Heiligen Geist wurden 1832 die ersten Apostel und weitere kirchliche Amtsträger gerufen.
Die ersten Gemeinden des neuen apostolischen Glaubens entstanden in England, und zwar in Albury und London.
Von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an entwickelte sich aus diesen Anfängen die Neuapostolische Kirche.
Der Glaube
Die neuapostolischen Christen glauben an Gott, seinen Sohn Jesus Christus, an den Heiligen Geist, an die Sendung von Aposteln. Sie stehen in der Erwartung der nahen Wiederkunft Christi. Die Vorbereitung auf dieses Ereignis, den Tag der Ersten Auferstehung, geschieht vor allem in den Gottesdiensten durch das Wort Gottes und die Sakramente.
Die verkündete Lehre gründet auf der Heiligen Schrift.
Die Heilige Wassertaufe
ist der erste Schritt in die Gemeinschaft mit Gott und wird durch die priesterlichen Amtsträger an Menschen jeden Alters vollzogen.
Die Heilige Versiegelung
ist die Spendung des Heiligen Geistes. Sie macht Menschen zu Gotteskindern. Wie in den urchristlichen Gemeinden wird sie durch Handauflegung und Gebet eines Apostels durchgeführt.
Das Heilige Abendmahl
wird gefeiert zum Gedächtnis an das Leiden und Sterben Jesu. Es vermittelt die Lebensgemeinschaft mit Jesu Christo, dem Sohn Gottes, und wird nach der Sündenvergebung gefeiert.
Das Glaubensziel
besteht in der Gemeinschaft mit Gott dem Vater und seinem Sohn Jesus Christus. Zentralpunkt im Leben eines neuapostolischen Christen ist daher die Erste Auferstehung – der Tag, an dem Jesus, gemäss seiner Verheissung, wiederkommt, um die Seinen zu sich zu nehmen.
Die Gottesdienste
Die äussere Gestaltung der Gottesdienste ist schlicht und feierlich. In freier Predigt, also ohne Manuskript, verkündigen die Seelsorger das Evangelium. Sie verlassen sich dabei auf die Kraft des Heiligen Geistes.
Höhepunkt des Sonntagsgottesdienstes ist die Feier des Heiligen Abendmahls nach dem gemeinsam gesprochenen Gebet unser Vater und der Sündenvergebung.
Bei Konfirmation, Trauung und Hochzeitsjubiläen empfangen die Gläubigen einen besonderen Segen.
Meistens umrahmt ein gemischter Chor die Gottesdienste.
Die Seelsorge
Die Neuapostolische Kirche sieht ihre wichtigste Aufgabe in der Verkündigung des Evangeliums und in der Seelsorge. Dazu zählen regelmässige Hausbesuche und die besondere Betreuung der Kranken, Behinderten, Alleinstehenden und Älteren. Die Jugendlichen treffen sich zu Jugendgottesdiensten und Jugendveranstaltungen. Die Kinder besuchen, je nach Altersstufe, Sonntagsschule, Kindergottesdienst, Religions- und Konfirmandenunterricht.
Die Offenheit
Die Neuapostolische Kirche ist politisch neutral: Sie enthält sich in allen Ländern jeder politischen Betätigung.
Ihre Gottesdienste sind keine geschlossenen Veranstaltungen.
Alle sind herzlich willkommen.
Wer die neuapostolische Glaubenslehre prüfen will, darf dies tun, solange er will.
Die Mitgliedschaft wird mit der Spendung des Heiligen Geistes – der Heiligen Versiegelung – erlangt.
In den folgenden Abschnitten möchte ich deutlich machen, worum es in der neuapostolischen Glaubenslehre geht und wie sich dieser Glaube auf das Leben der Mitglieder auswirkt.
Im wesentlichen werde ich hierzu Zitate aus neuapostolischer Literatur
5) verwenden. Das Lehrbuch der Neuapostolischen Kirche Fragen und Antworten über den neuapostolischen Glauben6) mit seinen 258 Fragen und Antworten gehört zu den Standardwerken der NAK. Der Inhalt ist wie folgt gegliedert:Vorwort
Erster Teil
Die Bibel
Zweiter Teil
Gott, seine Schöpfung und Offenbarung bis auf die Geburt Jesu Christi
Dritter Teil
Jesus Christus und seine Sendung
Vierter Teil
Der Heilige Geist, die Apostel und die erste apostolische Kirche
Fünfter Teil
Entwicklung der christlichen Kirche bis in das 19. Jahrhundert
Sechster Teil
Die Neuapostolische Kirche als Kirche Jesu Christi in der Vollendungszeit
Siebter Teil
Zukunft und Ewigkeit
c. Darstellung der Organisation
Die Neuapostolische Kirche
7) sagt selbst, dass es sich bei dieser Kirche um "eine Gemeinschaft der Apostel, der Ämter und Glieder"8) handelt.Sehen wir uns anhand eines Schaubildes die Ordnung der Ämter einmal genauer an.
STAMMAPOSTEL
Bezirksapostel
Apostel Apostel
Bischof Bischof
Bezirksältester Bezirksältester
Bezirksevangelist Bezirksevangelist
Gemeindeältester Gemeindeältester
Hirte Hirte
Gemeindeevangelist Gemeindeevangelist
Priester Priester
Diakon Diakon
Unterdiakon Unterdiakon
Wie das Schaubild deutlich macht, steht das Amt des Stammapostels an oberster Stelle.
"Der Stammapostel ist grundsätzlich auf Lebenszeit ordiniert und eingesetzt. Die Bezirksapostel und die Apostel werden durch den Stammapostel ordiniert und in ihr Amt eingewiesen. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Stammapostels kann kein Apostel ordiniert werden."
9)Vor ihrer Ordination müssen die Apostel folgendes Gelöbnis ablegen:
"Vor Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden, gelobe ich, dem Stammapostel im Gehorsam des Glaubens zu folgen und den von ihm erhaltenen Auftrag sorgfältig und gewissenhaft auszuführen, entsprechend dem Wort des Herrn. Ich verpflichte mich, gemäss den neuapostolischen Glaubensgrundsätzen, die den Statuten des Apostelbundes vorangestellt sind, sowie dem Inhalt des neuapostolischen Glaubensbekenntnisses zu lehren und zu leben und die Bestimmungen der Statuten des Apostelbundes zu achten und zu befolgen."
10)Das Gelöbnis macht deutlich, welch hohe Macht und Autorität der Stammapostel besitzt. Hier wird kein Gehorsam gegenüber Gott oder Christus gefordert, sondern ein Gehorsam gegenüber dem Stammapostel.
Alle Amtsträger der NAK sind Laien. Sie kommen aus den verschienensten Berufen und haben weder eine theologische noch eine seelsorgerische Ausbildung.
Der seit 1988 amtierende Stammapostel, Richard Fehr, war früher Schriftsetzer.
Fast alle Ämter werden ehrenamtlich, das heisst ohne Bezahlung ausgeübt. Nur die oberen Ämter, vom Stammapostel bis zum Bischof, erhalten ein Gehalt.
Jedes männliche neuapostolische Gemeindemitglied hat die Möglichkeit, in eines der oben genannten Ämter eingeführt zu werden und eventuell aufzusteigen.
Nun darf man jedoch die Amtsbezeichnungen der NAK nicht mit denen der Evangelischen oder Katholoschen Kirche vergleichen, da es sich um Laienämter handelt, denen keinerlei Ausbildung zugrunde liegt.
In der Organisation der Neuapostolischen Kirche spielt die Hierarchie eine grosse Rolle. Jedes Amt, ausser dem des Stammapostels, ist einem anderen Amt untergeordnet.
Das Amt des Unterdiakons und Diakons zählt noch nicht zu den priesterlichen Ämtern. Vom Priester bis zum Bischof handelt es sich um die priesterlichen Ämter, die befugt sind, "im Auftrag des Apostels die Taufe mit Wasser zu spenden, in dem Namen Jesu und im Auftrag des Apostels Vergebung der Sünden zu verkündigen und das Heilige Abendmahl auszusondern und darzureichen. Diese sakramentalen Handlungen sind Obliegenheiten aller priesterlichen Ämter."
11)über einige Aufgaben und Grundregeln, die die verschiedenen Ämter der NAK betreffen, geben die Richtlinien für die Amtsträger der Neuapostolischen Kirche
12) Aufschluss. Anhand einiger Zitate aus diesem Buch möchte ich deutlich machen, welche Aufgaben und Pflichten mit einem Amt verbunden sind. Es handelt sich hierbei jedoch um eine sehr verkürzte Darstellung, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.
Da jedoch eine Amtsübernahme auch starke Auswirkungen auf das Privatleben hat, möchte ich diesen Aspekt nicht unbeachtet lassen.
Im folgenden nun einige Zitate aus dem oben angegebenen Buch.
"Die Unterdiakone und Diakone sollen dem Vorsteher hauptsächlich in allen äusseren Dingen zur Seite stehen. Sie sorgen für die Ordnung im Kirchenlokal in den Gottesdiensten, sehen darauf, dass das Inventar vollzählig bleibt [ ... ]
Ein besonderes Augenmerk haben die Unterdiakone auf die Fremden zu richten, die unsere Gottesdienste besuchen. Auch suchen sie durch Geschwister Adressen von solchen Personen zu erhalten, die besucht und zu den Gottesdiensten eingeladen werden können. Gerade hierin sollen sie ihre besondere Aufgabe sehen und als Eiferer allen vorangehen. Haben sie Eingang bei einer Familie gefunden, so melden sie dies dem Vorsteher oder dem priesterlichen Amt des betreffenden Bezirks, so dass diese sie bei einem späteren Besuch begleiten können."
13)In ihrer Werbebroschüre, unter der Überschrift Offenheit, bietet die Neuapostolische Kirche mit freundlichen Worten an: "Wer die neuapostolische Glaubenslehre prüfen will, darf dies tun, solange er will."
Ich halte es jedoch für notwendig, davor zu warnen, eine Sekte "auszuprobieren", da man sehr schnell in eine Abhängigkeit geraten kann.
Der Besuch der Gottesdienste gibt keinen Einblick darüber, was die Gemeinschaft von ihren Mitgliedern wirklich erwartet und fordert. Ausser der Werbebroschüre erhält man kaum Literatur, die Näheres über die Inhalte aussagt.Aus den gerade zitierten Aufgaben der Unterdiakone und Diakone wird ersichtlich, dass man sehr schnell angesprochen wird. Auch hierzu gibt es in den Richtlinien für die Amtsträger entsprechende Ratschläge.
"Wenn Fremde unsere Gottesdienste besuchen, sollen sie von den an der Tür stehenden Brüdern, die dort ihren Dienst tun, freundlich begrüsst und empfangen werden. Es wird den Fremden ein geeigneter Platz angewiesen und ein Gesangbuch gereicht. Nach Schluss des Gottesdienstes erkundigt man sich freundlich, was sie zu uns geführt hat und, allerdings in taktvoller Weise, nach ihrem Namen, ihrer Wohnung und ob es erwünscht sei, sie einmal zu besuchen. Oft ist es zwar geraten, dies erst nach einem zweiten oder dritten Gottesdienstbesuch zu tun. Nie aber soll man es unterlassen, sie immer wieder freundlich zu begrüssen und beim Weggehen aufs neue einzuladen. Solche Seelen sind durch öftere Besuche sorgfältig zu pflegen, sobald dies möglich ist. Der Vorsteher, der stets über solche Seelen in Kenntnis gesetzt werden muss, wird hierzu bestimmte Amtsbrüder beauftragen und auf diese Weise die Besuche regeln."
14)Soviel zu der Frage, ob man eine Sekte, wie die Neuapostolische Kirche, selber prüfen sollte, oder ob es nicht besser wäre, vorher entsprechend von neutraler Seite Informationen einzuholen.
Nun aber noch einmal zurück zu den Aufgaben und Pflichten der Amtsträger:
"Jeder Amtsträger soll das eine Streben haben, dem Herrn, dem Apostel, der Gemeinde Gottes zu dienen und abermals zu dienen."
15)"Die Amtsträger sind bei ihrer Arbeit in der Gemeinde zuerst dem Gemeindevorsteher verantwortlich. Sie befolgen seine Anweisungen, haben für seine Ratschläge und Belehrungen ein offenes Ohr und geben ihm über ihre Tätigkeit eingehenden Bericht, wobei alles Erfreuliche und Unerfreuliche in der Gemeinde zur Sprache kommen muss. Da muss unbedingte Offenheit herrschen."
16)"Bei den Zusammenkünften der Priester müssen alle Verhältnisse der Gemeinde dem Vorsteher offen unterbreitet werden [ ... ] Sollte ein Amtsbruder besonders vertrauliche Mitteilungen zu machen haben, so hat er dies dem Vorsteher unter vier Augen zu sagen. Die Amtsbrüder sind verpflichtet, über alles strengstes Stillschweigen zu wahren. Verletzt ein Amtsbruder diese Schweigepflicht, so geht er seines Amtes verlustig; denn es kann unseren Geschwistern nicht zugemutet werden, solchen Amtsbrüdern weiterhin ihr Vertrauen entgegenzubringen."17)
An dieser sogenannten Schweigepflicht möchte ich doch meine Kritik anbringen. Wie vereinbart sich strenges Stillschweigen damit, dass alle Amtsträger ihrem Vorsteher alles mitteilen müssen? Steht solch eine Verpflichtung nicht eher im Widerspruch zur Schweigepflicht? Dabei sollte man auch bedenken, dass die Neuapostolische Kirche gerade ihre Seelsorge so besonders betont. In der Werbebroschüre werden unter anderem die regelmässigen Hausbesuche genannt. Für mich stellt sich jedoch die Frage, ob diese Besuche eine wirkliche Seelsorge darstellen oder vielmehr eine gewisse Kontrolle beinhalten.
"In dem Bezirk soll nach Möglichkeit jede Familie in vier bis sechs Wochen einmal besucht werden. Die Priester berichten alsdann dem Vorsteher über ihre Tätigkeit, also über alles, was sie gewirkt und gefunden haben, sei es nun Günstiges oder Ungünstiges, damit der Vorsteher bei seinen Besuchen wiederum weiss, wo und wie er zu arbeiten hat."
18)
"In der Regel macht man die Besuche unangemeldet. Man sieht und erfährt dann manches, was auf den inneren Zustand der Geschwister und auch auf die äussere Ordnung in der Familie einen Schluss ziehen lässt."
19)Dieses Gedankengut lässt sich aus der Werbebroschüre nicht herauslesen. Es scheint mir jedoch wichtig zu wissen, dass die Mitglieder der NAK einer ständigen Kontrolle durch ihre Amtsträger unterliegen.
Gerade die Seelsorge und die damit verbundenen Besuche sind für viele Menschen ein sehr ansprechender Aspekt, um sich für diese Sekte zu entscheiden
In einer Zeit wie heute, wo viele Menschen sehr einsam und allein leben, sind sie dankbar für jede Zuwendung, die ihnen entgegengebracht wird.
"Es muss aber von vornherein im Auge behalten werden, dass die Familienbesuche keine Freundschaftsbesuche sind, sondern dass sie ausschliesslich dazu dienen, näher an die Seelen heranzukommen, ihr Vertrauen zu gewinnen und zu erhalten und dann seelsorgerisch auf sie einzuwirken."
20)Mit dieser Art von Seelsorge habe ich so meine Schwierigkeiten. Geht es hier überhaupt noch um die Sorgen und Nöte des einzelnen, oder ist es nur eine ständige Kontrolle und Beeinflussung hinsichtlich der neuapostolischen Lehre?
Um welche Art der Lehre es hier geht, wird später noch dargestellt werden.
Aber auch die Amtsträger unterstehen einer ständigen Kontrolle. Einerseits sind sie immer dem ihnen übergeordneten Amt verpflichtet, und andererseits können sie auch nicht mehr frei ihres Weges gehen.
"Es muss für jeden Asmtsbruder selbstverständlich sein, dass er die Gemeinde ohne Wissen des Vorstehers nicht verlassen kann. Tritt er eine Reise an oder geht er in Erholung, so hat er dies vorher dem Gemeindevorsteher zu melden, der den Bezirksvorsteher davon unterrichtet. Der Gemeindevorsteher wiederum darf seine Gemeinde nicht verlassen ohne Wissen und Einverständnis des Bezirksvorstehers, der dann während der Abwesenheit des Vorstehers die nötigen Anordnungen trifft und dem Bischof oder Apostel davon Kenntnis gibt."
21)Bei diesen Anordnungen darf man nicht vergessen, dass es sich bei den hier genannten Ämtern um ehrenamtliche, also nebenberufliche Aufgaben handelt. Ein normales Familienleben wird für einen Amtsträger sehr schwierig. Ausser der Tatsache, dass er seine Gemeinde nicht ohne Erlaubnis verlassen darf, ist er praktisch jeden Abend kraft seines Amtes unterwegs und macht Besuche.
Neben dieser Aufgabe ist er dann ausserdem sonntags zweimal und an einem Abend in der Woche (meistens mittwochs) in den Gottesdiensten tätig.
Frauen werden in der Neuapostolischen Kirche in kein Amt eingeführt.
"Sorgfältig sollen die Amtsbrüder auf ihre Familienangehörigemn achten. Auch sie dürfen niemand und nirgends zum Anstoss gereichen. Die Frauen sollen insbesondere ihrem Haushalt wohl vorstehen, nicht über andere ungut sprechen, jedermann freundlich begegnen und doch mit dem nötigen Ernst. Die Frauen der Amtsbrüder dienen dem Herrn am besten, wenn sie ihren Männern treu zur Seite stehen, so dass diese ungehindert, sauber und anständig gekleidet, Gottes Werk treiben können."
22)Zur Stellung der Frau in der Neuapostolischen Kirche später noch etwas mehr.
Soviel zu den Ämtern dieser Gemeinschaft. Über das Apostelamt und das Amt des Stammapostels wird noch ausführlich berichtet.
d) Fragen und Antworten
"Wer ist die Neuapostolische Kirche?
Die Neuapostolische Kirche ist die Kirche Jesu Christi, gleich den apostolischen Gemeinden zur Zeit der ersten Apostel. Als das wiederaufgerichtete Erlösungswerk des Herrn wird sie vom Heiligen Geist regiert.
In dieser Kirche, die eine Gemeinschaft der Apostel, der Ämter und Glieder mit dem Herrn Jesus Christus ist, sind Liebe und Glaubensgehorsam die tragenden Kräfte allen Handelns und Strebens. Der Heilige Geist selbst ist die Lebenskraft der in Christo Wiedergeborenen.
Das durch den Heiligen Geist geoffenbarte Wort Gottes bewirkt den Glauben an den ewigen Gott, seinen Sohn Jesus Christus, den Heiligen Geist und die Kirche des Herrn mit ihren Sakramenten und Amtsgaben.
Ziel der neuapostolischen Glaubenslehre ist die Zubereitung gläubiger Seelen auf die Wiederkunft Jesu Christi."
23)In dieser Definition der Neuapostolischen Kirche werden verschiedene Punkte angesprochen, die noch im einzelnen erläutert werden sollen.
über die Ämter habe ich schon in der Darstellung der Organisation gesprochen.
Die NAK sagt, dass sie die Kirche Jesu Christi sei. Damit stellt sie ihren Exklusivanspruch deutlich dar. Sie gehört auch keiner ökumenischen Organisation an.
Wie die Neuapostolische Kirche den Begriff Glaubensgehorsam definiert, soll die nächste Frage erläutern.
"Was ist Glaubensgehorsam?
Unter Glaubensgehorsam verstehen wir das Unterordnen des menschlichen Willens unter den göttlichen Willen, der sich für den neuapostolischen Christen in Wort und Lehre der Apostel offenbart."
24)Soweit es den ersten Teil dieser Antwort betrifft, stimme ich mit dieser überein. Der zweite Teil jedoch lässt mich meine Bedenken anmelden und zur Vorsicht rufen. Aus meiner Sicht wird hier ganz klar ein Gehorsam Menschen gegenüber gefordert. Ist der christliche Glaube denn davon abhängig, dass wir den Worten und der Lehre anderer Menschen gehorsam folgen? Nein!
Der Glaubensgehorsam spielt aber im Leben der Neuapostolischen eine grosse Rolle.
Die NAK sagt in ihrer Werbebroschüre, dass sie keine Verbote erlässt, sondern Ratschläge gibt. Das ist wörtlich genommen richtig, aber wenn man den sogenannten Glaubensgehorsam noch etwas genauer betrachtet, dann stellt man fest, dass es in der Praxis anders verstanden werden muss.
Nach der neuapostolischen Lehre verkündigen die Apostel durch den Heiligen Geist das geoffenbarte Wort Gottes. Erteilt er also, in seiner "Eigenschaft" als Apostel, Ratschläge, so müssen diese auf den Glaubensgehorsam bezogen, angenommen und befolgt werden.
Unter der Überschrift Auswirkungen auf das tägliche Leben werde ich noch einige Beispiele hierzu anfügen.
Die Neuapostolische Kirche kennt drei Sakramente.
"Was ist die Heilige Wassertaufe?
Die Heilige Wassertaufe ist ein Bestandteil der Wiedergeburt und die notwendige Voraussetzung zur Hinnahme des Heiligen Geistes. Sie ist ferner der Bund eines guten Gewissens mit Gott. Mit ihr verbunden ist die Abwaschung der Erbsünde, die durch den Sündenfall Adams und Evas bewirkte Sündhaftigkeit des Menschengeschlechts."
25)Die Taufe in der NAK wird unabhängig vom Alter des Täuflings durchgeführt. Kinder und Erwachsene können getauft werden. Ein Patenamt gibt es nicht.
"Welchen Wert hat die in anderen christlichen Gemeinschaften vollzogene Taufe?
Die Wassertaufe, die in einer anderen christlichen Gemeinschaft oder Kirche im dreieinigen Namen Gottes empfangen wurde, wird von der Neuapostolischen Kirche als ein für diese Gemeinschaft gültiges Sakrament anerkannt. Zur Erlangung der Wiedergeburt aus Wqsser und Geist ist die Bestätigung dieser Taufe durch den Apostel oder einen von ihm beauftragten Amtsträger Voraussetzung."
26)Deutlich gesagt heisst das, dass die in einer anderen Gemeinschaft vollzogene Taufe für die Neuapostolische Kirche keine sakramentale Wirkung hat und deshalb von einem priesterlichen Amt bestätigt werden muss. Der Taufakt wird dabei jedoch nicht wiederholt.
"Was ist das Heilige Abendmahl?
Das Heilige Abendmahl ist jenes Sakrament, das von Jesus selbst zum Gedächtnis an sein bitteres Leiden und Sterben und an das von ihm gebrachte vollgültige Opfer gestiftet worden ist."
27)"In welcher Form wird das Heilige Abendmahl gespendet?
In der Neuapostolischen Kirche wird das Heilige Abendmahl mit ungesäuertem Brot und Wein gefeiert.
Im Jahre 1917 wurde durch den Stammapostel Niehaus festgelegt, dass Brot und Wein in einer mit drei Tropfen Wein beträufelten Hostie gereicht werden."28)
Das Heilige Abendmahl wird in jedem Sonntagsgottesdienst (vormittags) gefeiert. Dabei bekommt jeder eine Hostie, in die drei Tropfen Wein eingebacken sind. Des weiteren reichen die Apostel sonntags auch den Toten das Abendmahl. Stellvertretend für die Toten nehmen Amtsträger das Abendmahl in Empfang.
Dreimal pro Jahr finden ausserdem die sogenannten Entschlafenengottesdienste statt, in denen Verstorbene durch die Apostel getauft oder versiegelt werden können. Auch diese Handlungen werden stellvertretend für die Toten an Lebenden vollzogen.
"Was ist die Heilige Versiegelung?
Die Heilige Versiegelung ist die Spendung des Heiligen Geistes und damit der wesentliche Teil der Wiedergeburt. Sie ist die Grundlage einer völligen Erneuerung des inneren Menschen.
Durch sie wird der Mensch zu einem Kind Gottes mit dem Anrecht auf das Erbe Christi. Somit ist der Besitz des Heiligen Geistes das Unterpfand zur ewigen Herrlichkeit."
29)"Wer spendet den Heiligen Geist in unserer Zeit?
Wie in der Urkirche sind auch in der Neuapostolischen Kirche die Apostel Jesu tätig, den Heiligen Geist zu spenden."
30)
"Wer kann den Heiligen Geist empfangen?
Der Mensch, der bereit und willens ist, den Heiligen Geist zu empfangen, muss folgende Voraussetzungen erfüllen:
Er muss die Taufe mit Wasser empfangen, durch das Wort der Predigt zum Glauben an die Lehre der Apostel gelangt sein, und Vergebung der Sünden hingenommen haben. Er muss bekennen, entschlossen zu sein, sein Leben nach der Grundlage der Lehre der Apostel, die Jesu Lehre ist, einzurichten.
Auch Kinder empfangen durch Handauflegung eines Apostels den Heiligen Geist. Bei ihnen wird das Bekenntnis durch die schon bei der Wassertaufe übernommene Verpflichtung der Eltern ersetzt, das Kind in der Apostellehre zu erziehen."
31)Das Sakrament der Heiligen Versiegelung nimmt in der Neuapostolischen Kirche einen ganz besonderen Stellenwert ein. Die sogenannte Spendung des Heiligen Geistes ist allein den Aposteln vorbehalten, wärend die Wassertaufe und das Abendmahl von allen priesterlichen Ämtern gespendet werden dürfen.
Erst durch die Versiegelung erlangt man die endgültige Mitgliedschaft in der NAK. Sie ist zugleich nach neuapostolischer Meinung der einzige Weg, um ein Kind Gottes zu werden.
Versucht man, diese Gedanken noch etwas zu entschlüsseln, dann heisst das: Nur ein Mitglied der Neuapostolischen Kirche ist ein Kind Gottes, denn die sogenannte Versiegelung, Spendung des Heiligen Geistes, kann nur durch einen Apostel gespendet werden. Apostel wiederum gibt es nach dieser Lehre nur in der Neuapostolischen Kirche, in der Kirche Jesu Christi.
Nach dieser Lehre sind also Mitglieder dieser Sekte Gotteskinder. Das zeigt deutlich den Exklusiv-anspruch dieser Gemeinschaft. Dies widerspricht meiner Meinung nach der Aussage in der Werbebroschüre, wo es heisst:
"Der neuapostolische Christ erhebt keinerlei Anspruch darauf, besser zu sein als Andersgläubige."
32)Sehr aufschlussreich erscheint mir die Darstellung des Theologen Kurt Hutten in seinem Buch Seher – Grübler – Enthusiasten
33) Über die Versiegelung. Er schreibt dazu folgendes:"Von einem Sakrament der Versiegelung weiss die Bibel nichts. Es ist weder von Jesus gestiftet noch von seinen Aposteln praktiziert worden [ ... ]
Nach einer neuapostolischen Lehre besteht die Versiegelung darin, dass der Apostel dem Gläubigen die Hand auflegt und ihm damit den Heiligen Geist übermittelt. Nun findet sich in der Bibel des öfteren der Begriff 'versiegeln'. Er wird im doppelten Sinn gebraucht: einmal in seiner ursprünglichen Bedeutung als Versiegeln von Briefen, Schriften, Kaufverträgen u.a., sodann in einer übertragenen Bedeutung als Bestätigung einer Verheissung, einer Vollmacht oder eines Heilsstandes. Im ersten Fall ist durchweg der Mensch, im zweiten Fall aber Gott oder Christus der Versiegelnde (Joh. 6, 27; 1. Kor. 9, 2; 2. Kor. 1, 22; Eph. 1, 13; Eph. 4, 30: Offb. 7, 3).
Die Neuapostolischen aber gebrauchen das Wort in einer dritten Bedeutung, die es in der Bibel überhaupt nicht gibt: sie machen aus der Bestätigung eines verheissenen Heilsstandes eine Übertragung von Heilskräften.
Die neuen Apostel vollziehen die Versiegelung durch den Akt der Handauflegung. Es gibt keine einzige Schriftstelle, welche auch nur andeutend oder indirekt sagt, dass die Handauflegung durch einen Apostel für den Gläubigen notwendig sei, damit er das Heil empfange. Wohl wird an einigen Stellen von einer 'Handauflegung' gesprochen, und die Neuapostolischen berufen sich auf sie. Aber sie dürfen z.B. 1. Tim. 5, 22 nicht als Beweis anführen. Denn nach ihrer Lehre kann nur ein Apostel die Versiegelung vornehmen; Timotheus aber war kein Apostel. Die Handauflegung, von der hier die Rede ist, hat denn auch mit einem Sakrament der Versiegelung nichts zu tun; sie war die Einsegnung eines Amtsträgers (ebenso 1. Tim. 4, 14 und 2. Tim, 1, 6).
Die urchristliche Ordination erfolgte nach dem Vorbild der Ordination des Josua durch Mose (4. Mose 27, 18-23; 5. Mose 34, 9) in der Form der Handauflegung (Apg. 6, 6; Apg. 13, 3).
Die Handauflegung Hebr. 6, 2 und Apg. 19, 5f. war die mit der Taufe verbundene Segensgebärde, also nicht ein selbständiger sakramentaler Akt.
Bleibt noch die Stelle Apg. 8, 14-17. Hier heisst es in der Tat: 'Da legten sie die Hände auf sie, und sie empfingen den heiligen Geist.' Also eine biblische Begründung des Sakraments der Versiegelung? Doch kann man aus der Begebenheit in Samarien keine Regel machen: Beim Geistesempfang der Jünger Apg. 2, 1 ff. gab es keine Handauflegung. Nach Apg. 2, 37f.; Apg. 10, 44; Apg. 15, 7-9; Gal. 3,2 kommt der Heilige Geist durch die Predigt des Wortes in die Herzen.
Nach Luk. 11, 13 kommt es auf das gläubige Bitten um den Heiligen Geist an.
Woher hatte Paulus den Heiligen Geist? Ananias, der ihm die Hände auflegte (Apg. 9, 17) war kein Apostel. Woher hatten die Christen in Rom ihre Geistesgaben (Röm. 12, 6-8)? Es war, als Paulus seinen Brief an sie schrieb, noch kein Apostel bei ihnen gewesen.
Die Urgemeinde kannte eine Handauflegung als Segenshandlung. Aber sie war nicht den Aposteln allein vorbehalten. Gelegentlich war mit ihr ein Geistesempfang verbunden, der sich in Zungenreden äusserte (Apg. 19, 6); einen Geistesempfang dieser Art kann man bei den neuapostolischen Versiegelten nicht bemerken. Das alles lässt sich eben nicht imitieren."
34)
Die im Text von Kurt Hutten angegebenen Bibelstellen werden im Anhang unter der Überschrift Bibelstellen zum Thema Versiegelung aufgeführt.
e. Der Stammapostel – Das Apostelamt
Versucht man die neuapostolische Lehre wirklich zu verstehen, dann kommt man nicht daran vorbei, sich mit den Begriffen Apostel und Stammapostel zu beschäftigen.
Hier zunächst auszugsweise eine Definition aus dem Calwer Bibellexikon.
35)"Der Begriff Apostel (=Gesandter, Bote) wird durch das Judentum vorbereitet. Hier gab es rechtsgültige Vertretung einer Person und Sache durch einen anderen (2. Chr. 17, 7-9).
Das Urchristentum denkt geistlich, auch wenn alte Rechtsformen zugrunde liegen. In den Jesuworten Matth. 10, 40; Lk. 10, 16; Joh. 13, 16 liegt das alte Botenrecht noch vor: Der Beauftragte hat die Autorität, aber auch die begrenzende Weisung des Senders.
Erst durch die Ereignisse nach Ostern erhält der Begriff des Apostels seine klassische Ausprägung. Die Erneuerung der Jüngerschaft, die Proklamation der Messianität Jesu, Bussruf und Erneuerung der Taufbewegung wirken dabei mit.
Der Apostel wird Träger eines neuen Auftrags, Zeuge der Auferstehung Jesu und Empfänger des Heiligen Geistes. Das Apostolat wird nunmehr zum grundlegenden Amt der entstehenden Kirche (1. Kor. 12, 28).
Auf die Schüler der Apostel wird das Apostolat nicht übertragen."36)
Anhand einiger Fragen und Antworten soll deutlich gemacht werden, wie die Neuapostolische Kirche das Apostelamt definiert.
"Was ist ein Amt?
Allgemein ist ein Amt ein Dienst, der auftragsgemäss getan wird. Ein geistliches Amt ist ein Dienst durch göttliche Beauftragung und wird in der Kraft des Heiligen Geistes ausgeübt.
Jesus Christus hat nur ein Amt gestiftet, das Apostelamt. Aus demselben sind alle weiteren Ämter seiner Kirche hervorgegangen. Sie bildeten sich je nach Bedürfnis und gingen auf die verschiedenen Geistesgaben zurück.
Erst in späterer Zeit entwickelte sich eine Ordnung von festen kirchlichen Ämtern."
37)Das Apostelamt ist demnach das von Christus selbst gestiftete Amt innerhalb seiner Kirche. Daraus ergibt sich auch die Autorität dieser Apostel. Alle anderen Ämter sind diesem Amt untergeordnet.
Es gibt nur ein Amt, das dem des Apostels übergeordnet ist, und das ist das des Stammapostels.
"Welche Stellung nimmt der Stammapostel innerhalb der Neuapostolischen Kirche ein?
Der Stammapostel ist als das sichtbare Haupt der Kirche Jesu Christi in allen ihren Angelegenheiten oberste Instanz. Er wird von den Mitgliedern der Neuapostolischen Kirche als Repräsentant des Herrn auf Erden angesehen und weiss sich selbst als Gehilfe des Glaubens seiner Brüder und Geschwister.
Es ist der Wille Jesu, dass seine Kirche ein sichtbares Haupt habe, zu dem die Apostel und alle Gläubigen aufschauen. Dadurch wird das Werk des Herrn zielbewusst und einheitlich geführt.
Aus der Schar der Apostel wird jener Apostel in das Stammapostelamt gerufen, der durch besondere Zeugnisse von Gott dem amtierenden Stammapostel bzw. dem Kreis der Apostel offenbar wurde."
38)"Welche Aufgaben fallen dem Stammapostel zu?
Der Stammapostel hat vor allem die Aufgabe, die von Jesu erbetene, gewünschte und gebotene Einheit innerhalb der Apostelschar zu schaffen und zu erhalten. Im weiteren hat er die Lehre Christi zu verkündigen, neue Offenbarungen des Heiligen Geistes zu fördern, die Reinheit des Glaubens zu überwachen, die Aussonderung der zu Aposteln erwählten Amtsträger vorzunehmen sowie für die Ausbreitung der Jesu- und Apostellehre in einheitlicher Weise Sorge zu tragen."
39)Das Stammapostelamt nimmt in der NAK eine ganz besonders hohe Autorität in Anspruch. Wie diese Autorität im einzelnen verstanden werden muss, soll zunächst an einem Beispiel aus der Geschichte der Neuapostolischen Kirche erläutert werden:
Von 1930 bis 1960 amtierte Johann Gottfried Bischoff als Stammapostel der NAK. Anfang der fünfziger Jahre verkündigte der damals Achtzigjährige eine neue Offenbarung. Er machte bekannt, dass er erfahren habe, der Herr werde noch zu seinen Lebzeiten wiederkommen. In einem Ämtergottesdienst, der 1952 von ihm gehalten wurde, sagte er unter anderem:
"Nun habe ich gesucht, euch mit den zeitgemässen Offenbarungen bekanntzumachen. Ich sage nochmals: Ich erwarte den Herrn täglich und ich glaube bestimmt und positiv, dass der Herr zu meiner Lebzeit kommt.Davon gehe ich auch nicht einen Fingerbreit ab."
40)
Diese Offenbarung Bischoffs wurde in jener Zeit Hauptthema und Lehrinhalt der Neuapostolischen Kirche. Da es auch zu den Aufgaben des Stammapostels gehört, die Reinheit des Glaubens zu überwachen, hat diese Offenbarung damals so manchen Amtsträger sein Amt gekostet. Zweifel am Wort und der Lehre des Stammapostels gelten als die grösste Sünde. Man bezeichnet sie auch als die Sünde wider den Heiligen Geist, denn das Wort des Stammapostels gilt als das zeitgemässe Wort Christi auf Erden.
Als der Stammapostel 1960 starb, wurde seine über Jahre gelehrte Offenbarung nicht für falsch erklärt, sondern man gab bekannt:
"Der Stammapostel kann sich nicht geirrt haben! Wir fragen uns nur, warum Gott seinen Willen geändert hat."
41)Die Autorität des Stammapostels durfte also nicht in Frage gestellt werden. Für den wahrhaft Gläubigen war dieses Ereignis eine schlimme Tatsache.
Wurde hier nicht sehr eichtfertig mit dem Glauben und der damit verbundenen Hoffnung vieler Menschen umgegangen?
Ein weiteres Zitat soll deutlich machen, welch grosse Autorität dem Stammapostel zugemessen wird.
"Der Stammapostel allein ist die geoffenbarte Liebe Gottes. Wer sich von ihm trennt, hat sein eigenes Todesurteil unterschrieben. Solche sind zu ihrem eigenen Richter geworden. Der liebe Gott will seine Kinder selig machen, aber nicht solche, die alles besser wissen. Wir sollen keine Sklaven sein, sondern freigemachte Gotteskinder. Wir lieben nicht allein Gott, sondern auch den, den er gesandt hat."
42)Wenn ich solch eine Darstellung lese, dann fällt es mir schwer, mir wirklich freigemachte Gotteskinder vorstellen zu können. Engt eine solche Einstellung nicht eher ein, als dass sie frei macht? Ist Kritik denn wirklich etwas so Unverzeihliches? In der Neuapostolischen Kirche scheint es so zu sein.
Der Stammapostel Bischoff schrieb dazu einmal folgendes:
"Was ist die Sünde wider den Heiligen Geist?
Die Sünde wieder den Heiligen Geist ist geistiger Selbstmord. Aus diesem Tod gibt es keine Erlösung, weder hier noch im Jenseits.
In der ganzen Schöpfungs- und Reichsgottesgeschichte kam es immer darauf an, wie sich die Menschen zu dem zeitgemässen göttlichen Wort und den gegenwärtigen Offenbarungen gegenüber einstellten. Dementsprechend waren die damit verbundenen Folgen."
43)Hierzu sei nur kurz erwähnt, dass die NAK unter dem zeitgemässen göttlichen Wort das Wort des Stammapostels versteht. Das gleiche gilt für die gegenwärtigen Offenbarungen.
Der Stammapostel erläuterte dann weiter:
"Es ist etwas Furchtbares, wenn der Mensch mutwillig das ablehnt oder sogar verlästert und bekämpft, was der Herr zur Errettung der so hilfsbedürftigen, verschuldeten Menschheit verordnet hat. Damit widerstrebt er dem Bemühen des Heiligen Geistes, begeht also die Sünde wider den Heiligen Geist [ ... ]
Die Sünde wider den Heiligen Geist kann deshalb nicht vergeben werden, weil solche Personen den Weg verachten und verlästern, auf dem Gnade und Vergebung übermittelt werden."
44)Nach dieser Darstellung des Apostelamts aus neuapostolische Sicht und meiner Interpretation möchte ich nun noch die Ausführungen des Theologen Kurt Hutten zu diesem Thema zitieren:
"Um das Apostelamt als eine von Jesus gewollte Dauereinrichtung der Kirche zu retten, zitieren die Neuapostolischen allerlei Bibelstellen. Da heisst es z.B. 1.Kor. 12, 28: 'Gott hat gesetzt in der Gemeinde aufs erste die Apostel, aufs andere die Propheten, aufs dritte die Lehrer, danach die Wundertäter' usw. Damit sei doch schwarz auf weiss bewiesen, dass das Apostelamt ein von Gott 'gesetzte' und also gewollte Dauereinrichtung ist! Wirklich?
Kann es des Paulus Meinung gewesen sein, dass jede Gemeinde ihren Apostel haben müsse und dass es sich hier um ein Daueramt für alle Zeiten handle?
Hätte er dies gemeint, dann hätte er für die von ihm gegründete Gemeinde in Korinth bei seinem Weggang einen Apostel berufen müssen. Er hat es nicht getan. Er hat auch für die Gemeinden in Ephesus keinen Apostel bestellt. Als er sie später wieder besuchte, versammelte er die 'Ältesten der Gemeinde' (Apg. 20, 17) und mahnte sie, auf die Gemeinde achtzugeben, 'unter welche euch der heilige Geist gesetzt hat zu Bischöfen' (Apg. 20, 28). Er hat den Titus über die Gemeinden in Kreta gesetzt und ihn bevollmächtigt, Älteste einzusetzen, aber zum Apostel hat er ihn nicht ernannt (Tit. 1, 5).
Nirgendwo ist von Aposteln als Nachfolger der Apostel Christi die Rede, und wenn Paulus sie in Eph. 4, 11-13, einer Lieblingsstelle der Neuapostolischen, erwähnt, dann meint er da nicht irgendwelche neu berufenen Apostel, die es gar nicht gab, sondern die Urapostel, die als Augenzeugen Christi für die jungen, vielfach ungefestigten Gemeinden eine Lebensnotwendigkeit waren (vgl. Eph. 2, 20) und deren Kreise er mit seiner eigenen Berufung als abgeschlossen betrachtete (1. Kor. 15, 5-9).
Aber selbst wenn sich aus den biblischen Texten das Apostelamt als Dauereinrichtung nachweisen liesse, bestünde eine tiefe Kluft zwischen den neuapostolischen und den neutestamentlichen Aposteln. Um bei Äusserlichkeiten zu beginnen: Nach dem 5. Glaubensartikel [der Neuapostolischen Kirche – Anm. d. Vf.in] steht
allein den Aposteln das Recht zu, Amtsträger zu ernennen und einzusetzen. Die Urgemeinde kannte dies nicht als Regel; da kam es vor, dass die Gemeinde ihre Amtsträger selbst wählte (Apg. 6, 5).
Nach neuapostolischer Anschauung entsprach in der Apostelschar Christi die Stellung des Petrus der des heutigen Stammapostels.
Das Neue Testament kennt keine solche Rangstufe. Auf der Suche nach einem biblischen Beweis, dass Jesus ein übergeordnetes Stammapostelamt gewollt habe, gerieten die Neuapostolischen an Matth. 23, 8 und Matth. 23, 11. Sie bemerken dazu: 'Als bei einer Gelegenheit die Jünger die Frage aufwarfen, wer der Grösste unter ihnen sei, sagte Jesus: >Der Grösste unter euch soll euer Diener sein. – Einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder.< Diese Worte Jesu besagen also, dass unter den Aposteln ein >Grösster< vorhanden ist.'
[45)]Nun heisst es in der Lutherübersetzung: 'Einer ist euer Meister; >Christus<. Dieser Zusatz 'Christus' fehlt zwar in einer Reihe von Handschriften; aber es ist klar, dass in Matth. 23, 8 Christus gemeint ist, und in Matth. 23, 10 ist er in einer parallel lautenden Stelle in allen Handschriften ausdrücklich genannt.
Matth. 23, 8 widerspricht also gerade in der neuapostolischen Stufung in Apostel und Stammapostel.
Es ist uns auch nirgends ein Wort von Paulus oder Johannes überliefert, dass sie ohne den Stammapostel Petrus nichts tun könnten.
Wenden wir uns mehr den inneren Gebieten zu, auf denen sich die Gegensätze zwischen den Aposteln Christi und den neuen Aposteln zeigen: Den alten Aposteln gab Jesus Anweisung und Vollmacht, Kranke und Aussätzige zu heilen, Teufel auszutreiben und Tote aufzuerwecken (Matth. 10, 8).
Von den neuen Aposteln hat noch keiner, auch kein Stammapostel, bewiesen, dass er diese Vollmacht hat. Die neuen Apostel und sonderlich der Stammapostel beanspruchen, dank ihrem Erfülltsein mit dem Heiligen Geist, das 'zeitgemässe Wort Gottes' zu verkündigen, und lehnen die alleinige Bindung an die Heilige Schrift ab.
Paulus dachte sehr viel anders über die Schrift: ' ... weil du von Kind auf die Heilige Schrift weisst, die dich unterweisen kann zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus.' (2. Tim. 3, 15)
Bei den Neuapostolischen gilt es als heilswichtige Pflicht, dem Stammapostel 'nachzufolgen'. Das Neue Testament verwendet den Begriff der 'Nachfolge' durchweg nur für das Verhältnis zwischen den Jüngern und Christus.
Und während die neuapostolischen Gläubigen angewiesen werden, zu glauben, zu lieben, zu beten und zu hoffen wie der Stammapostel, schreibt Paulus der Gemeinde in Philippi: 'Ein jeglicher sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war.' (Phil. 2, 5)."
46)Die im Text von Kurt Hutten angegebenen Bibelstellen werden im Anhang unter der Überschrift Bibelstellen zum Apostelamt aufgeführt.
Kurt Hutten schreibt, dass die Neuapostolischen die alleinige Bindung an die Heilige Schrift ablehnen. Hierzu möchte ich noch neuapostolische Zitate anfügen.
"Wertvolle Worte des Stammapostels:
Unsere Erlösung hat ihre Ursache nicht darin, dass wir die Berichte der Heiligen Schrift gläubig hinnehmen, sondern hängt davon ab, wie wir uns der gegenwärtigen Gottesoffenbarung gegenüber verhalten."
47)"Die Erfahrung hat gelehrt, dass man mit dem Glauben von gestern noch lange nicht in der Lage ist, das heute von Gott Gegebene zu erfassen."
48)Diese Zitate machen deutlich, welche Stellung die Heilige Schrift in der neuapostolischen Lehre hat und welche Autorität der Lehre des Stammapostels zugewiesen wird.
Der Glaube an die Apostellehre steht hier klar im Vordergrund. In der Werbebroschüre heisst es allerdings: "Die verkündigte Lehre gründet auf der Heiligen Schrift." –
"Welche Bedeutung hat die Bibel für die Lehre der Neuapostolischen Kirche und für das Leben des neuapostolischen Christen?
Die Bibel ist die Grundlage für die Lehre der Neuapostolischen Kirche.
Im Leben des neuapostolischen Christen hat sie eine besondere Bedeutung. Die Heilige Schrift bietet ihm Tröstung, Erbauung und Wegweisung und dient der Förderung der Glaubenserkenntnis. Zu einem nutzbringenden Bibellesen gehört ein Verlangen nach göttlicher Erleuchtung.
Das Lesen in der Bibel kann die Wirksamkeit der Apostel Jesu in der Verkündigung der Lehre und Spendung der Sakramente allerdings nicht ersetzen."
49)"Wer ist berufen und fähig, die Bibel auszulegen?
Allein der Heilige Geist ist imstande, den rechten Aufschluss über Gottes Willen zu geben, denn er erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.
Die mit der Führung des Erlösungswerkes auf Erden von Christo beauftragten Boten, der Stammapostell und die Apostel, haben zu ihrer Aufgabe das aus dem Heiligen Geist kommende Amtsvermögen empfangen. Mit diesen Gaben sind sie befähigt, die Absichten Gottes zu verstehen, sie den Gläubigen mitzuteilen und die ihnen Nachfolgenden dem göttlichen Willen entsprechend an das Ziel des Glaubens zu führen."50)
Das heisst also, dass das Lesen in der Bibel zwar nicht schaden kann, die Lehre der Apostel jedoch wichtiger ist. Ausserdem spricht die NAK den Gläubigen ab, die Bibel verstehen zu können, da dies allein dem Stammapostel und den Aposteln vorbehalten bleibt.
Nun heisst es zwar, dass allein der Heilige Geist imstande ist, Aufschluss über den Willen Gottes zu geben, aber das scheint die NAK auch dem Heiligen Geist nicht richtig zuzutrauen. Denn nach dieser Lehre hat doch jeder Versiegelte, also jedes Mitglied der NAK, den Heiligen Geist. Trotzdem heisst es, dass nur der Stammapostel und die Apostel die Absichten Gottes verstehen könnten. Es scheint mir ein Absurdum, wie hier von vornherein die Wirksamkeit des Heiligen Geistes festgelegt wird. Nicht der Heilige Geist entscheidet, wie und durch welchen Menschen er wirksam wird, sondern diese Festlegung nimmt die NAK vor.
Auch diesen Punkt halte ich für wissenswert, bevor man sich mit dieser Sekte einlässt.
"JUSTIFY">
In den Allgemeinen Hausregeln
51) der Neuapostolischen Kirche heisst es zum Erwerb der Mitgliedschaft:"Mitglied kann jede Person werden, die gelobt hat, nach der neuapostolischen Lehre, dem Glaubensbekenntnis und in Übereinstimmung mit den Lehren der Heiligen Schrift zu leben und den Anordnungen der Kirchenleitung Folge zu leisten [ ... ]
Die endgültige Mitgliedschaft zur Kirche wird erst durch die Heilige Versiegelung erlangt."
52)über die neuapostolische Lehre haben wir schon einiges gehört, gerade was das Verhältnis der Gläubigen zu den Aposteln und dem Stammapostel angeht. Wenn hier die Rede von den Anordnungen der Kirchenleitung ist, so sind damit die Anordnungen des Stammapostels und der Apostel gemeint. Auch die Einstellung der NAK zur Heiligen Schrift haben wir bereits kennengelernt. Bleibt zunächst nur noch die Frage nach dem Glaubensbekenntnis offen.
"Wie lautet das neuapostolische Glaubensbekenntnis?
Der 1. Glaubensartikel: Ich glaube an Gott den Vater, den allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erde.
Der 2. Glaubensartikel: Ich glaube an Jesum Christum, Gottes Sohn, unseren Herrn, der empfangen ist vom Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben, begraben, eingegangen in das Reich der Entschlafenen, auferstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel, sitzend zur rechten Hand Gottes, des allmächtigen Vaters, von dannen er wiederkommen wird.
Der 3. Glaubensartikel: Ich glaube an den Heiligen Geist, eine heilige Apostolische Kirche, die Gemeinde der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und ein ewiges Leben.
Der 4. Glaubensartikel: Ich glaube, dass der Herr Jesus seine Kirche durch lebende Apostel regiert bis zu seinem Wiederkommen, dass er seine Apostel gesandt hat und noch sendet mit dem Auftrag, zu lehren, in seinem Namen Sünden zu vergeben und mit Wasser und dem Heiligen Geist zu taufen.
Der 5. Glaubensartikel: Ich glaube, dass sämtliche Ämter der Kirche Christi nur von Aposteln erwählt und in ihr Amt eingesetzt werden und dass aus dem Apostelamt Christi sämtliche Gaben und Kräfte hervorgehen müssen, auf dass, mit ihnen ausgerüstet, die Gemeinde ein lesbarer Brief Christi werde.
Der 6. Glaubensartikel: Ich glaube, dass die Heilige Taufe mit Wasser ein Bestandteil der Wiedergeburt ist und der Täufling dadurch die Anwartschaft zur Empfangnahme des Heiligen Geistes erlangt. Sie ist ferner der Bund eines guten Gewissens mit Gott.
Der 7. Glaubensartikel: Ich glaube, dass das Heilige Abendmahl zum Gedächtnis an das einmal gebrachte, vollgültige Opfer, an das bittere Leiden und Sterben Christi, vom Herrn selbst eingesetzt ist. Der würdige Genuss des Heiligen Abendmahls verbürgt uns die Liebesgemeinschaft mit Christo Jesu, unserem Herrn.
Es wird mit ungesäuertem Brot und Wein gefeiert; beides muss von einem priesterlichen Amt der Kirche gesegnet und gespendet werden.
Der 8. Glaubensartikel: Ich glaube, dass die mit Wasser Getauften durch einen Apostel zur Erlangung der Gotteskindschaft den Heiligen Geist empfangen müssen, wodurch sie als Glieder dem Leibe Christi eingefügt werden.
Der 9. Glaubensartikel: Ich glaube, dass der Herr Jesus so gewiss wiederkommen wird, wie er gen Himmel gefahren ist, und die Toten in Christo sowie die lebenden Brautseelen, die auf sein Kommen hofften und zubereitet wurden, verwandelt und zu sich nimmt, dass er nach der Hochzeit im Himmel mit diesen auf die Erde zurückkommt, sein Friedensreich aufrichtet und sie mit ihm als Könige und Priester regieren. Nach Abschluss des Friedensreiches wird er das Endgericht halten, wo alle Seelen, die nicht an der Ersten Auferstehung teilhatten, ihr Teil empfangen, wie sie gehandelt haben, es sei gut oder böse.
Der 10 Glaubensartikel:Ich glaube, dass ich der weltlichen Obrigkeit zum Gehorsam verpflichtet bin, soweit nicht göttliche Gesetze dem entgegenstehen."
53)
Das hier aufgeführte Glaubensbekenntnis der Neuapostolischen Kirche ist die Neufassung. In dieser Fassung wurden im 8., 9. und 10. Glaubensartikel inhaltliche und sprachliche Änderungen vorgenommen.
In der neuapostolischen Zeitschrift Unsere Familie
54) steht unter der Überschrift Kurze Hinweise zur Neufassung der Glaubensartikel 8 – 10 folgendes:"Der 8. Glaubensartikel
Änderung:
Das Wort 'Erstlingsschaft' wurde gegen das Wort 'Gotteskindschaft' ausgetauscht.
Begründung:
Mit der Hinnahme des Heiligen Geistes erlangt der mit Wasser Getaufte die Gotteskindschaft. Nur ein Gotteskind, das sich von dem empfangenen Heiligen Geist völlig durchdringen und regieren lässt, wird am Tag der Wiederkunft Christi als Erstling das den Kindern Gottes verheissene Erbe antreten können.
Der 9. Glaubensartikel
bisherige Formulierung: jetzige Formulierung:
... Erstlinge aus den Toten und Lebenden ... ... die Toten in Christo sowie die lebenden Brautseelen ...
Begründung:
Die Brautseelen, die an der Ersten Auferstehung teilnehmen, kommen aus den Lebenden und den in Christo Entschlafenen. Ausser diesen Erstlingen (vgl. Frage 255) nehmen auch jene teil, die in den Gottesdiensten für die Entschlafenen die Gotteskindschaft erlangten, und auch die dazu berufenen Gläubigen aus dem Alten Bund (vgl. Lukas 13, 28).
Die neue Formulierung 'Tote in Christo' ist 1. Thessalonicher 4, 16 entnommen und umfasst alle jene Würdigen in den Entschlafenenbereichen, die den Heiligen Geist tragen. Der Begriff 'lebende Brautseelen' meint diejenigen, die am Tag der Wiederkunft Christi noch im Fleisch leben und die Verwandlung erfahren dürfen (vgl. 1. Korinther 15, 51-52).
bisherige Formulierung: jetzige Formulierung:
Am Abschluss des Friedensreiches Nach Abschluss des Friedensreiches
Begründung:
Nach dem Ende des Friedensreiches hat Satan noch einmal Gelegenheit, die Menschen zu verführen, die nicht an der Ersten Auferstehung teilnahmen.
bisherige Formulierung: jetzige Formulierung:
... wird er das Endgericht halten, wo alle noch ... wird er das Endgericht halten, wo alle Lebenden samt den Toten ... Seelen, die nicht an der Ersten Auferstehung
teilhatten ...
Begründung:
Es wird durch die neue Fassung klargestellt, dass an diesem Gericht alle erscheinen müssen, die nicht an der Ersten Auferstehung teilgenommen haben.
bisherige Formulierung: jetzige Formulierung:
... ihr Urteil empfangen ... ... ihr Teil empfangen ...
Begründung:
Der Urteilsspruch des Herrn muss nicht zwangsläufig eine 'Verurteilung' vorsehen, zumal das, was gut gemacht wurde, seinen Lohn finden wird.
bisherige Formulierung: jetzige Formulierung:
... wie sie gehandelt haben bei Leibesleben, ... wie sie gehandelt haben, es sei ...
es sei ...
Begründung:
Damit soll verdeutlicht werden, dass nicht nur die ins Fleisch Geborenen vor dem Richter erscheinen müssen, sondern auch jene, die nie im Leib auf Erden wandeln konnten. Zudem wird es solche Entschlafenen geben, die während des Friedensreiches das Evangelium vom Reich angenommen haben und sich zum Herrn halten und am Ende Satan nicht (wieder) anheimgefallen sind. Für sie ist beim Gericht ihr Handeln bei Leibesleben nicht ausschliesslich massgebend.
Der 10. Glaubensartikel
Die vorherige Fassung stützte sich auf den Brief des Apostels Paulus an die Römer (Römer 13, 1-7). Die Reichsgottesgeschichte lehrt uns jedoch, dass das Befolgen göttlicher Gesetzte noch über dem Gehorsam zur Obrigkeit gestellt werden muss (vgl. Apostelgeschichte 3; 4; 5, 25-29). Die Apostel Petrus und Johannes verweigerten der Obrigkeit nicht den Gehorsam, stuften aber das Befolgen des ihnen vom Herrn Jesus gegebenen Auftrags höher ein."
55)Der Vollständigkeit halber hier noch einmal die bisherige und jetzige Formulierung des 10. Glaubensartikels:
bisherige Formulierung: jetzige Formulierung:
"Ich glaube, dass die Obrigkeit Gottes Dienerin "Ich glaube, dass ich der weltlichen Obrigkeit
ist uns zugute, und wer der Obrigkeit widerstrebt, zum Gehorsam verpflichtet bin, soweit nicht
der widerstrebt Gottes Ordnung, weil sie von göttliche Gesetze dem entgegenstehen."
Gott verordnet ist."
Die Änderung dieses Glaubensartikels hängt sicher auch damit zusammen, dass die Neuapostolische Kirche sich nicht immer politisch neutral verhalten hat, wie sie es in ihrer Werbebroschüre sagt. Kurt Hutten berichtet darüber folgendes:
"Als Hitler 1933 an die Macht kam, sorgte [Stammapostel – Anm. d. Vf.in] Bischoff dafür, dass seine Kirche sich reibungslos in die neue Lage einfügte. Der 10. Artikel des Glaubensbekenntnisses vom Gehorsam gegen die Obrigkeit, der in der Ausgabe des Lehrbuches von 1924, also in der Weimarer Demokratie, fallengelassen worden war, wurde 1933 wieder hereingenommen. In einem Rundschreiben an die Amtsträger vom 25. 4. 1933 empfahl Bischoff, bei Eintrittsgesuchen von Mitgliedern aufgelöster staatsfeindlicher und freidenkerischer Organisationen in Zweifelsfällen 'die Personalien solcher Personen der zuständigen Ortsgruppe der NSDAP zur Nachprüfung vorzulegen' und ihre Aufnahme erst nach dem Vorliegen einer Unbedenklichkeitserklärung der NSDAP zu vollziehen. Die Wächterstimme aus Zion 'arisierte' er Anfang 1934 durch Streichung des 'aus Zion'. Im Lehrbuch, Ausgabe 1938, wurde zu der Frage 172 festgestellt, dass 'dem Aufnahmegesuch nicht entsprochen werden kann, wenn der Aufzunehmende sich im Widerspruch zur Staatsführung befinde, die der Neuapostolischen Kirche die Ausführung ihrer seelsorgerischen Tätigkeit gestattet' (1952 wurde diese Passus wieder getilgt).
So kamen die Neuapostolischen ohne Konflikt durch die Zeit der braunen Diktatur. Auch in der DDR blieben sie unbehelligt[56)] und bewiesen ihre Ergebenheit gegenüber dem neuen Regime. Für ihre loyale Arbeit ernteten sie Lob politischer Stellen."57)
In diesem Glaubensbekenntnis wird die Wichtigkeit der Apostel für diese Lehre noch einmal deutlich. Da es hier um den Erwerb der Mitgliedschaft geht, möchte ich an dieser Stelle noch einmal wiederholen, was an anderer Stelle schon im Zusammenhang mit der Heiligen Versiegelung gesagt wurde. Sinngemäss heisst es da: Wer den Heiligen Geist empfangen möchte (Heilige Versiegelung), der muss zum Glauben an die Lehre der Apostel gelangt sein und sein Leben nach dieser Lehre einrichten. Das ist also die Voraussetzung, um neuapostolisch werden zu können, denn die Heilige Versiegelung ist ja die endgültige Aufnahme in die Neuapostolische Kirche.
Soviel zu den Voraussetzungen, die ein Mensch erbringen muss, um in dieser Sekte Mitglied werden zu dürfen.
Bevor man sich nun zu einer Mitgliedschaft entschliesst, sollte man vorher auch wissen, wie sich dieser Glaube später in der Praxis, das heisst im täglichen Leben, auswirkt. An einigen Stellen meiner Darstellung habe ich schon darauf aufmerksam gemacht. Mehr dazu später noch unter der Überschrift Auswirkungen auf das tägliche Leben.
Was sagt die Neuapostolische Kirche über den Verlust der Mitgliedschaft?
"Die Mitglieder sind jederzeit zum Austritt berechtigt. Dies geschieht durch schriftliche Erklärung beim Vorsteher der Gemeinde.
Im Übrigen erlischt die Mitgliedschaft: a.) durch den Tod, b.) durch Ausschliessung.
Letztere erfolgt schriftlich durch den Bezirksapostel.
Als Ausschliessungsgrund gelten ein unordentlicher Lebenswandel, unbegründetes längeres Fernbleiben von den Gottesdiensten, vorsätzliche und beharrliche Zuwiderhandlung gegen den Zweck der Kirche, sowie gegen die Anordnungen der Kirchenleitung."
58)Sehr demokratisch und freiheitlich klingt zunächst die Tatsache, dass jeder das Recht hat auszutreten.
Für mich stellt sich nur die Frage, welche psychischen Probleme ein Mensch zu überwinden hat, der diese Lehre gläubig gelebt hat. Die Trennung, also der Austritt, hat doch eine schwerwiegendere Bedeutung als der Austritt aus einem Verein.
Wie Kurt Hutten es so klar und deutlich beschreibt:
"Der Gläubige wird der unmittelbaren Konfrontation mit Gott enthoben. Zwischen ihn und Gott hat sich der Stammapostel eingeschoben. Auch das trägt entscheidend zur Erhöhung der Sicherheit bei. Denn Gott ist die heilige Majestät. Es bleibt in dem Menschen, der mit ihm zu tun hat, immer ein Rest von Unruhe. Er kann ja
Gott nicht in seine Hand bekommen, keinen Einblick in seine Pläne gewinnen, ihm nicht mit Rechten und Ansprüchen gegenübertreten.
Aber nun wird seine Abhängigkeit vom Stammapostel ersetzt. Mit ihm kann man sprechen, kann sich von ihm führen lassen und unter seinen Schutz flüchten."
59)Genau diese Abhängigkeit, die Hutten hier beschreibt, sehe ich als einen sehr gefährlichen Punkt in dieser Lehre. Der Mensch wird abhängig gemacht von einem anderen Menschen. Das direkte Verhältnis des Menschen zu Gott wird unterbrochen, ohne dass diese Tatsache deutlich herausgestellt wird.
Der Gläubige lernt, dass er Gottes Willen tut, wenn er der Lehre des Stammapostels gehorsam folgt. Er lernt auch, dass nur der Stammapostel den Willen Gottes kennt.
Entstehen nun aber doch Zweifel an der Lehre des Stammapostels, so wird es für den Gläubigen sehr schwierig. Um meine Gedanken etwas klarer zu machen, möchte ich an dieser Stelle zwei Dinge voeinander trennen, die meiner Meinung nach vermischt werden, obwohl sie nicht zusammenpassen.
Ich möchte den christlichen Glauben und den neuapostolischen Glauben voneinander trennen.
Entstehen also für den neuapostolischen Gläubigen Zweifel an der Lehre des Stammapostels, so wird es für den Christen in ihm schwierig. Damit meine ich folgendes: Der neuapostolische "Christ" hat gelernt, dass er Gott nur gehorsam sein kann, wenn er dem Stammapostel gegenüber gehorsam ist. Auch die Teilnahme an der ersten Auferstehung wird davon abhängig gemacht. Der "Christ" in dem Neuapostolischen ist also gehorsam, weil er Gott gehorsam sein möchte.
Treten nun Zweifel an der Lehre des Stammapostels auf, dann zweifelt der Neuapostolische an sich und seinem Glauben, der eigentlich Gott und Christus gehören sollte. Er hält sich für schlecht, weil er glaubt, dass er Gott nicht mehr gehorsam ist.
Das klingt alles sehr verwirrend und ist für einen Menschen in dieser Situation sicher auch kaum noch zu entwirren. Das sind die psychischen Probleme, die diese Abhängigkeit zur Folge hat, wenn man nicht mehr alles kritiklos hinnehmen und glauben kann, was die Neuapostolische Kirche lehrt.
Ein Austritt aus dieser Sekte ist deshalb sehr schwierig. Denn wer sich von der Neuapostolischen Kirche trennt, trennt sich vom Stammapostel und, nach dieser Lehre, von Gott. Dieser Schritt ist im allgemeinen viel schwerer zu bewältigen, als man es sich als Aussenstehender vorstellen kann.
Der Neuapostolische hat gelernt, dass jegliches Heil nur durch das Apostelamt und den Stammapostel erlangt werden kann. Der christliche Glaube ist nach dieser Lehre daher auch nur in dieser Kirche möglich. Ohne Apostel gibt es kein Heil. Wer diesen Glauben in sich hat, befindet sich in einer absoluten Abhängigkeit, aus der er sich nur sehr schwer befreien kann.
Deshalb kommt aus meiner Sicht die Ankündigung eines Ausschlusses einer Drohung gleich. Folgst du nicht, so schliessen wir dich aus. Wovon? Für den Neuapostolischen heisst das: Wir schliessen dich von Gottes Heil aus. Wir entziehen dir die Möglichkeit, an der ersten Auferstehung teilzuhaben. Wir entziehen dir Gottes Gnade.
Die Neuapostolische Kirche entzieht aus meiner Sicht also die Gnade Gottes und seine Liebe, die nur Gott den Menschen zuteil werden lassen kann.
Diese Vorstellung muss für einen Neuapostolischen kaum zu verkraften sein. Deshalb wird er sich wohl auch lieber bemühen, gehorsam zu sein und kritiklos zu folgen.
Meine Vorstellung über den christlichen Glauben ist eine ganz andere. Es fällt mir daher auch schwer, in der neuapostolischen Lehre den christlichen Glauben zu sehen.
Kinder
Der grösste Teil der Neuapostolischen in unserem Land wurde bereits in diese Sekte hineingeboren. Das bedeutet, dass sie bereits von klein auf in dieser Lehre erzogen wurden und nie die Möglichkeit hatten, sich kritisch damit auseinanderzusetzen. Wie stark die Beeinflussung bereits bei Kindern vorgenommen wird, möchte ich anhand einiger Zitate deutlich machen.
Aus dem Apostelbezirk Nordrhein-Westfalen liegen mir Rundschreiben
60) vor, die monatlich an die Kinder herausgegeben werden.Auffallen ist, dass in diesen Rundschreiben selten die Rede von Gott oder Jesus ist. Sehr oft wird jedoch vom "lieben Stammapostel" gesprochen, vom Bezirksapostel, von den Aposteln und Segensträgern. Hier nun einige Zitate:
Manchmal macht es einem wohl grosse Mühe, zu tun, was einem gesagt wurde. Aber wenn es mal schwer wird, dann denkt Euch doch einfach, der Herr Jesus oder der Apostel wäre bei Euch! Dann wird's leichter."
61)
Die Kinder sollen lernen, dass die Anwesenheit des Apostels gleichzusetzen ist mit der Anwesenheit Christi. Hier wird ein Mensch auf die gleiche Ebene mit Jesus Christus gestellt.
"Grüsse der Apostel und vor allem des Stammapostels müsst Ihr immer so richtig auf Euch wirken lassen. Darin liegt nämlich eine grosse Kraft. Und die geht vom Herrn Jesus aus. Wisst Ihr auch warum? Nun, immer wenn der Herr Jesus seine Jünger begrüsste, sprach er die Worte: 'Friede sei mit euch!' Dann wurde es in ihren Herzen sofort ganz ruhig. Im Gruss des Stammapostels und der Apostel liegt die gleiche Kraft; denn sie wirken ja heute an seiner Statt. Darf ich Euch deshalb einen Rat geben? Wenn in Eurer Gemeinde demnächst Grüsse des Bezirksapostels oder des Apostels bestellt werden, dann macht Euer Herz immer ganz weit auf!"
62)Hier werden die Kräfte der Worte des Stammapostels und der Apostel mit der Kraft des Wortes Jesu gleichgestellt. Bereits im Kindesalter lernen die Neuapostolischen, ihr Herz für das Wort des Stammapostels oder der Apostel zu öffnen, denn es ist nach dieser Lehre dem Worte Gottes und Christi ebenbürtig.
"Und nun die Frage: Wer ist dem lieben Gott am nächsten? Was meint Ihr wohl? Na? Ja, ganz klar: Die kindlich glauben und alles tun, was er sagt! Die sind ihm am nächsten! Und weil Ihr Euch immer von ganzem Herzen bemüht, zu glauben und zu tun, was er sagt, seid Ihr dem himmlischen Vater so nahe."
63)"Die kindlich glauben und alles tun, was er sagt!" Nach neuapostolischer Lehre heisst das: Die kindlich glauben und alles tun, was der Stammapostel, die Apostel und die mit dem Stammapostel herzlich verbundenen Segensträger sagen! Denn nur durch sie spricht Gott zu den Gläubigen.
Bereits den Kindern wird deutlich gemacht, wie wichtig es ist, zu glauben und zu tun, was die Amtsträger der Neuapostolischen Kirche sagen, denn es gilt als Gottes Wort – und nur wer "Gottes Wort" vertraut und danach lebt, kann Gott nahe sein. Umgekehrt heisst das: Wer Gott nahe sein möchte, muss tun, was die NAK lehrt.
Weiter heisst es dann:
"Und wie ist es mit den Grossen? Sie waren auch einmal Kinder. Viele – leider nicht alle – von ihnen haben sich ein kindliches Herz bewahrt. Auch als Erwachsene glauben und tun sie heute noch, was ihnen der Herr sagt. Sie stehen im Segen. Denkt nur einmal an den Stammapostel, den Bezirksapostel, die Apostel und die vielen treuen Diener im Hause des Herrn!"
64)Ja, auch als Erwachsene glauben und tun die Neuapostolischen, was der Stammapostel, die Apostel und die mit dem Stammapostel innig verbundenen Segensträger ihnen sagen. Sie können gar nicht anders, weil sie nie etwas anderes gelernt haben. Sie folgen dem Stammapostel und seiner Lehre, weil sie glauben, dass sie so Gott gehorchen und nahe sind.
Aber es geht noch weiter, denn auch die neuapostolischen Kinder werden älter und können anfangen, kritisch zu denken und diese Lehre zu hinterfragen. Diesem wird bereits im Kindesalter vorgebeugt und darauf hingewiesen, was passiert, wenn man älter wird.
"Ihr werdet ja auch älter und grösser. Und dabei werdet Ihr es selbst erleben: Im Laufe der Zeit kommt der Teufel immer öfter und immer stärker, um Euch etwas anderes einzuflüstern, als was der himmlische Vater durch seine Knechte sagt. Der Teufel will Euch vor allem dazu bringen, mehr den Verstand als den Glauben einzusetzen. Vorsicht! Damit würdet Ihr die Nähe Gottes verlassen. Dann würdet Ihr den Herrn nicht mehr richtig verstehen und er Euch auch nicht."
65)Das Einsetzen des kritischen Denkens wird mit der Einflussnahme des Teufels auf den Menschen erklärt, denn Kritik ist in der Neuapostolischen Kirche unerwünscht. Man könnte es auch anders ausdrücken: Wer kritisch über die Lehre der Neuapostolischen Kirche nachdenkt, das heisst, wer seinen Verstand einsetzt, statt kritiklos zu glauben und zu gehorchen, der ist vom Teufel besessen. Hätte man mir so etwas als Kind gesagt, ich hätte grosse Ängste bekommen und versucht, jegliches Denken abzuschalten. Hat man diese Vorstellung bereits als Kind verinnerlicht, dann ist es kaum noch möglich, sich als Heranwachsender und Erwachsener wieder davon zu befreien. Diese Erziehungsmethode hat zur Folge, dass auch neuapostolische Erwachsene kritiklos dem Stammapostel und den Aposteln folgen und gehorchen. Die Entwicklung und Entfaltung einer Persönlichkeit ist in diesem Erziehungsziel nicht möglich.
"Jetzt habt Ihr einen Blick in das Herz unseres Stammapostels tun können. Bewegt es nicht wunderbare Gedanken für uns? Ich kann mir denken, was Ihr nun am liebsten tun würdet: Den lieben Stammapostel in den Arm nehmen. Leider geht das ja nicht. Aber wir können etwas viel Schöneres tun. Wir nehmen ihn in unser Herz. Und es bleibt dann immer noch viel Platz für unseren Bezirksapostel und für Euren Apostel, auch für Eure Segensträger im Bezirk und in der Gemeinde und – nicht zu vergessen! – für Eure lieben Eltern!"
66)Schön, dass den Eltern auch noch ein kleiner Platz im Herzen der Kinder gelassen wird. Allerdings frage ich mich, ob eine christliche Kirche, wie die Neuapostolische Kirche sich selbst bezeichnet, nicht auch einen Platz für Gott und Christus in den Herzen der Kinder ermöglichen sollte.
"Wieviel Freude bereitet uns der liebe Gott schon jetzt in der Adventszeit durch den Stammapostel, die Apostel und durch die Brüder, die uns in der Gemeinde dienen! [ ... ]
Wenn Ihr Euch immer Mühe gebt, dem Herrn Freude zu bereiten, dann braucht man Euch gar nicht erst zu sagen: 'Wenn Ihr nicht den Willen Gottes tut, kommt Ihr nicht ans Ziel!', sondern Ihr werdet würdig, und der Herr nimmt Euch an, wenn er nun bald erscheint."
67)Sprachlich sehr geschickt und sehr deutlich wird den Kindern gesagt, was passiert, wenn sie nicht gehorchen. Das grosse Ziel der Neuapostolischen, am Tag der ersten Auferstehung teilzuhaben, ist nicht zu erreichen, wenn sie nicht tun, was die NAK lehrt.
"Und wisst Ihr was? Wir bestimmen selbst, wie gross die Gaben unseres Gottes für uns ausfallen. Für die irdischen Geschenke hättet Ihr Euch das vielleicht auch gewünscht. Aber das geht ja nicht, doch bei den Gaben des himmlischen Vaters ist es möglich. Je besser wir nämlich im Gottesdienst aufs Wort achten, desto mehr empfangen wir von seinem Segen. Nun besteht aber gerade für den Weihnachtsgottesdienst eine grosse Gefahr: Der Teufel weiss nämlich ganz genau, dass er Euch im Gottesdienst nur ein ganz klein wenig an die Geschenke zu erinnern braucht, die Ihr am Tag zuvor bekommen habt, schon beschäftigt Ihr Euch damit in Euren Gedanken. Und er lässt nicht so schnell locker, sondern startet einen Versuch nach dem anderen. Ihr werdet das merken. Wenn Ihr Euch dann ablenken lasst, hört Ihr nicht mehr, was der liebe Gott sagt, und Ihr werdet nicht gesegnet. Das wäre traurig."
68)Alles Weltliche hat in dieser Lehre angeblich einen negativen Einfluss auf die Gläubigen. Schon den Kindern wird das klargemacht. Natürliche Bedürfnisse und Regungen, wie die Gedanken eines Kindes an die Weihnachtsgeschenke, sollen unterdrückt werden. Um diesem Unterdrücken Nachdruck zu verleihen, wird auch hier wieder der Teufel als Verursacher genannt. Lässt das Kind, und später der Heranwachsende oder Erwachsene, seine eigenen Bedürfnisse doch zu, so heisst es weiter, wird dieser nicht gesegnet. Ferner sagt die Neuapostolische Kirche in ihrer Werbebroschüre, dass sie keine Verbote erlässt, sondern Ratschläge erteilt. Ich denke, an dieser Stelle lässt sich noch einmal deutlich machen, wie diese "Ratschläge" von einem Neuapostolischen gewertet werden müssen. Auch hier wird der "gute Ratschlag" erteilt, dass die Kinder sich nicht vom Teufel ablenken lassen sollen. Keiner hat ihnen verboten, an die Weihnachtsgeschenke zu denken. Sie wurden nur "liebevoll" gewarnt, damit sie gesegnet werden. Die gleiche Methode des "liebevollen" Ratschlages hatten wir schon einmal, als es darum ging, dass die Kinder davor gewarnt wurden, ihren Verstand zu benutzen. Denn dieses hätte ja zur Folge, dass sie nach neuapostolischer Lehre Gottes Nähe verlassen würden. Auch hier kein Verbot! Jeder Neuapostolische darf also alles tun und lassen. Er darf nach seinen eigenen Bedürfnissen leben und eigene Entscheidungen treffen. Tut er jedoch nicht, was ihm sein Segensträger "geraten" hat, so wird er mit einem schlechten Gewissen und Ängsten leben müssen. Dafür fühlt sich die NAK aber nicht verantwortlich. Das Schlimme daran ist, dass der Neuapostolische gelernt hat, dass er Gottes Rat missachtet, wenn er den Rat seines Segensträgers nicht annimmt.
Wie sehr der Stammapostel verherrlicht wird, soll das nächste Zitat deutlich machen.
"Das war eine Überraschung, Ihr [ ... ] das schöne Bild des Stammapostels bekamt, nicht wahr? [ ... ] Jetzt hat das Bild sicher einen Ehrenplatz bei Euch. Und immer wieder werdet Ihr es gerne betrachten. Tut es nur recht oft.
Ich weiss nicht, wie es Euch geht. Aber wenn ich das Bild des Stammapostels, des Bezirksapostels oder des Apostels ansehe, dann kommt es mir vor, als würden mich die Gesalbten des Herrn ganz liebevoll anblicken. Dann denke ich gleich: 'Jetzt schaut dich auch der Herr Jesus an!'"
69)Die Wortwahl dieser Rundschreiben ist so suggestiv, dass sie ihre Wirkung bei den Kindern nicht verfehlen kann. Dazu kommt, dass der Verfasser Bischof in der Neuapostolischen Kirche ist und damit bereits ein in der Rangstufe höheres Amt bekleidet, was die Autorität seiner Worte bekräftigt. Wer schon einmal mit kleineren Kindern zu tun hatte, weiss, wie stark sie zu beeinflussen sind, besonders, wenn die beeinflussende Person das Vertrauen der Kinder besitzt. Die gezielte Einsetzung der Suggestion bei den Kindern wirkt sich natürlich auch auf ihr weiteres Leben aus. Daher ist verständlich, dass auch Erwachsene in dieser Sekte bedingungslos dem Stammapostel folgen. Die weiteren Beispiele lassen ebenso erkennen, wie hier mit Suggestion gearbeitet wird.
"Ob der Herr sich wohl über uns freuen kann, wenn er uns sieht? Ja gewiss freut er sich, wenn wir brav und gehorsam sind. Und er freut sich auch, wenn wir gern in die Sonntagsschule und in den Gottesdienst gehen und aufmerksam seinem Wort lauschen. Er freut sich auch, wenn wir treu unser Opfer bringen."70)
Da die Neuapostolische Kirche, wie sie richtig in ihrer Werbebroschüre sagt, keine Kirchensteuer erhebt, ist sie sehr darauf bedacht, dass die Mitglieder freiwillige Opfer in Höhe des biblischen Zehnten (10% des Bruttogehaltes) erbringen. Auch dies muss eine Selbstverständlichkeit werden und wird deshalb auch schon den Kindern als "Freude Gottes" nahegebracht.
"Unser Stammapostel war in unserer Mitte! Das war für uns alle ein ganz wunderbares Erlebnis, nicht wahr? Ihr habt es sicher genauso empfunden wie ich: Als wir die liebe Stimme des Stammapostels hörten, da konnten wir gar nicht anders: Wir haben das Herz ganz weit aufgemacht. Und was er uns vom Thron des himmlischen Vaters mitgebracht hat, das haben wir mit ganzer Seele ergriffen."
71)Auch dieses Zitat lässt die Verherrlichung des Stammapostels deutlich werden.
"Diese Perle ist – so sagte es uns der Stammapostel – das selig machende Wort des Herrn und das Apostelamt. Und wer besitzt nun diese Perle des Wortes? Ganz einfach: Wer nach dem Wort tut. Und wer besitzt die Perle des Apostelamtes? Ganz einfach: Wer den Aposteln, dem Bezirksapostel und dem Stammapostel treu nachfolgt und von den Gesandten des Herrn alles annimmt, was der Herr anbietet. Wer das tut, macht einen Gewinn.
Wir alle sind unserem Stammapostel von Herzen dankbar, dass er uns klargemacht hat, wie gross dieser Gewinn ist. Etwas Wertvolleres gibt es nicht. Da ist es ganz natürlich, dass uns der Teufel diesen Reichtum nicht gönnt. Er will ihn uns rauben. Und es würde ihm noch besser gefallen, wenn wir ihn freiwillig aufgeben. Aber dann wären wir Narren, so hat's uns der liebe Gott durch den Stammapostel gesagt."
72)"Wer nach dem Wort tut." Dabei darf nicht vergessen werden, dass nach neuapostolischer Lehre das Wort des Stammapostels als Gottes heutiges Wort gilt. Wer also tut, was der Stammapostel, die Bezirksapostel und die Apostel sagen, und ihnen treu nachfolgt, der macht reichen Gewinn. Auch die Neuapostolische Kirche hat ihre eigene Sprache, wie viele Sekten. Um verstehen zu können, was wirklich gemeint ist, muss man sich diesen Sprachgebrauch verdeutlichen. Die NAK lehrt, dass die Gläubigen nach "Gottes" Wort leben und handeln sollen. Dass Gottes Wort jedoch in Wirklichkeit das Wort des Stammapostels ist, muss man erst einmal herausfinden. Wer in dieser Lehre erzogen worden ist, glaubt, dass aus den Aposteln, den Bezirksaposteln und dem Stammapostel Gott heute spricht. Hält also der Stammapostel Richard Fehr einen Gottesdienst, dann spricht für den Gläubigen nicht Herr Fehr, sondern Gott zu ihm. Diese Art der Verkündigung gibt dem Wort des Stammapostels eine aussergewöhnliche Macht und Autorität, die Gott gleichgestellt wird.
"Gleich in den Tagen nach dem Stammapostelgottesdienst habt Ihr's zu spüren bekommen, dass der Satan uns den ewigen Gewinn rauben oder abschmeicheln wollte. Er wollte auch uns zu Narren machen wie viele Menschen in der Welt. Hat er nicht versucht, Euch in den Karnevalstrubel hineinzuziehen? Aber wir lassen uns nicht von ihm gefangennehmen, denn wir wollen unter keinen Umständen Narren sein. Wir wehren uns mit der ganzen Kraft der Seele gegen den Fürsten der Finsternis. Und dann muss er fliehen."
73)Nicht nur den Karneval, sondern sämtliche Freizeitangebote "dieser Welt" stellt die NAK ihren Mitgliedern als Gefahr dar. Auch in diesem Bereich erteilt die Neuapostolische Kirche keine Verbote, sondern sie macht "liebevoll" auf die Gefahren aufmerksam. In dem Kapitel Auswirkungen auf das tägliche Leben werden weitere Beispiele hierzu angeführt.
"Liebe Kinder, im Stammapostel-Gottesdienst ist uns wieder bewusst geworden, wie reich wir Gotteskinder sind. Der Herr hat uns das Stammapostel-Amt gegeben. Das hat die Welt nicht. Dankt Ihr dem lieben Gott auch immer dafür? Und betet Ihr wohl auch für die Träger dieses Amtes? Ich kann's mir gar nicht anders vorstellen, denn wir haben den Stammapostel von Herzen lieb."
74)Immer wieder wird den Kindern suggeriert, welch grosse Bedeutung das Stammapostelamt für sie haben muss. Auch die Person des Stammapostels wird bereits den Kindern als göttliches Geschenk vermittelt, das sie von der übrigen Welt unterscheidet und trennt. Es kann nicht oft genug erwähnt werden, dass diese Art der Beeinflussung der Kinder die Voraussetzung dafür ist, weshalb auch die Erwachsenen bedingungslos folgen und gehorchen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Neuapostolischen sehr stark innerhalb ihrer Gemeinschaft leben und engere Kontakte zur "Aussenwelt" nur selten vorkommen. Den grössten Teil seiner "Freizeit" verbringt ein Neuapostolischer innerhalb des "Werkes Gottes". Die NAK bietet ihren Mitgliedern viele Möglichkeiten: Kinderchor, Jugendchor, Erwachsenenchor, Orchester, Kirche reinigen, Kindergottesdienst, Sonntagsschule, Jugendstunden, Jugendgottesdienst, Jugendtreffen, Gottesdienste, verschiedene Ämter, Weinbergsarbeit u. a. m., um die "Freizeit" nutzbringend in das "Werk Gottes" einzubringen. Eine Orientierung nach "aussen" wird dadurch bewusst von der NAK verhindert.
Ihr lieben Konfirmanden [ ... ] Ihr bleibt ja Kinder des Allerhöchsten, und er wird Euch auch in Zukunft mit seiner grossen Liebe umsorgen. Dazu gibt er Euch Segensträger, die Euch das ganze Leben hindurch begleiten [ ... ] Haltet Euch nur immer zu ihnen, dann werdet Ihr sicher geführt! Schafft an ihrer Seite mit, dann habt Ihr viel Freude und seid immer die Gesegneten!"
75)Hier nun wieder der Hinweis darauf, wie wichtig es ist, sich immer an die sogenannten Segensträger zu halten. Sie bieten "Sicherheit" ein Leben lang. An der Hand der Segensträger zu bleiben und mit ihnen im "Werk Gottes" zu schaffen bedeutet "Segen" und "Freude" für den Neuapostolischen. So sollte er es nach der neuapostolischen Lehre empfinden. Tut er es nicht, dann muss er sich stärker bemühen, denn der Fehler, das
heisst die mangelnde Freude, kann ja nicht an der Lehre liegen, sondern nur an jedem einzelnen. Die Lehre des Stammapostels gilt ja als Gottes Wort, und das kann nicht falsch sein und darf auch nicht angezweifelt werden.
"Dann seht Ihr die vielen Herzen und Hände, die Euch in Eurer Kindheit gedient haben, allen voran Eure Eltern, dann aber auch Eure Lehrer in der Sonntagsschule, im Religions- und Konfirmandenunterricht. Und den Stammapostel, den Bezirksapostel, den Apostel und die Segensträger in der Gemeinde dürfen wir auch nicht vergessen. Fragt Euch nur einmal, was wohl aus Euch geworden wäre, wenn Ihr nicht aus diesen edlen Segensgefässen hättet schöpfen können! Dann hättet Ihr wohl nicht viel aufzuweisen nicht wahr?"
76)Fragen werden hier gleich mitbeantwortet. Es gibt nur eine Antwort auf diese Frage für ein treues "Gotteskind". Kritik an dem, was die NAK lehrt, wäre eine grosse Sünde. Ein Neuapostolischer lernt auch, dass seine Fragen alle von seinen Segensträgern beantwortet werden können. Er braucht nicht zu lernen, eigene Antworten auf Fragen des Glaubens zu finden. Als treues Gotteskind sollte er nicht einmal Fragen stellen, denn alles, was er wissen muss, sagen ihm seine Segensträger, Apostel, der Bezirksapostel und der Stammapostel. Und wer all das beherzigt, was ihm von diesen "edlen Segensgefässen" "liebevoll" gesagt wird, der braucht sich keine Gedanken zu machen, denn er hat gelernt, dass er dann gesegnet ist.
"Vielmehr werdet Ihr Euch eifrig bemühen, ihm zur Freude in seinem Werk mitzuarbeiten und treu im Opfer zu sein. Müsste man sich sonst nicht schämen?"
77)Wer die Psyche eines Kindes nur etwas kennt, der kann sich vorstellen, welch grosse Wirkung dieser letzte Satz im o.a. Zitat auf ein Kind haben muss. Ich frage mich hier ernsthaft, wer sich schämen muss. Ein sogenannter "Segensträger" bzw. ein sogenanntes "edles Segensgefäss", das das Vertrauen eines Kindes ausnutzt, um es "gehorsam" und gefügig zu machen, oder ein unschuldiges Kind, das vielleicht lieber mit Schulkameraden spielen möchte, als sich freudig an den "Freizeitangeboten" der NAK zu beteiligen? Versucht man jedoch, die Intentionen der NAK zu verstehen, dann müssen solche "Mittel" der "liebevollen" Ermahnung angewandt werden, damit die Mitglieder dieses Gedankengut frühzeitig aufnehmen, um auch noch als Heranwachsende und Erwachsene zu – im Sinne der NAK – "funktionieren."
"Wir alle möchten doch nach oben [ ... ] Also ist doch unser Ziel oben, wo der Herr ist [ ... ] Zuerst muss man im Glauben immer höher hinaufsteigen. Was mag das wohl heissen? Ganz einfach: Wer hinaufsteigt, der entfernt sich immer mehr von der Erde und kommt dem Himmel immer näher. Mit anderen Worten: Wer im Glauben hinaufsteigt, interessiert sich immer weniger dafür, was es auf der Erde für verlockende Dinge gibt. Er strebt nach dem Himmel. Wer hinaufsteigt im Glauben, der sieht nach oben und nicht nach unten. Für uns heisst das: Wer hinaufsteigt, der schaut auf! Dann sieht er seine Segensträger. Das sind für uns keine Menschen, sondern die Männer, durch die sich der Herr heute offenbart. Ihr Wort ist uns heilig, und voller Gottesfurch bemühen wir uns zu tun, was sie uns raten."
78)Zunächst einmal macht dieses Zitat deutlich, wie sehr die NAK darauf bedacht ist, dahingehend zu erziehen, dass alles Weltliche für ein "wahres" Gotteskind kaum noch eine Bedeutung im Leben hat. Wer das noch nicht nachempfinden kann, muss sich weiterhin bemühen, im Glauben der neuapostolischen Lehre hinaufzusteigen. Ein anderes Empfinden, das heisst eigene Bedürfnisse und Vorstellungen, sind nur ein Zeichen dafür, dass man noch stärker bemüht sein sollte, das zu tun, was einem so "liebevoll" von den Segensträgern geraten wird, die ja schon höher hinaufgestiegen sind als man selbst.
Die Beschreibung der Segensträger in diesem Zitat ist sehr deutlich und erschreckend zugleich. "Das sind für uns keine Menschen, sondern die Männer, durch die sich der Herr heute offenbart. Ihr Wort ist und heilig, und voller Gottesfurcht bemühen wir uns zu tun, was sie uns raten." Diese einfachen und klaren Worte sind doch komplizierter, als man denkt. Nach aussen hin wird ein Neuapostolischer das niemals so formulieren, ja sogar formulieren können. Nehmen wir noch einmal das Beispiel Stammapostel Richard Fehr. Die NAK lehrt, dass Gott durch dieses Amt zu den Menschen spricht. Dieses Amt wird jedoch von einem Menschen bekleidet. Spricht nun der Stammapostel Fehr zu den Gläubigen, dann spricht nach dieser Lehre Gott zu ihnen und nicht mehr Herr Fehr. Kraft ihrer "inneren Verbundenheit" mit dem Stammapostel wird diese "Eigenschaft" auf alle sogenannten Segensträger übertragen. Erteilt also ein Segensträger einen "Ratschlag", so gilt dieser Rat als Rat Gottes und muss befolgt werden. Hier heisst es deutlich: Ihr Wort ist uns heilig. Welch grosser Missbrauch mit dieser Art von Macht und Autorität begangen werden kann, liegt klar auf der Hand, denn wenn Herr XY in seiner Funktion als Amtsträger etwas sagt, dann gilt es ja nach dieser Lehre nicht mehr als Rat oder Anweisung des Herrn XY, sondern als Gottes Wort.
"Denn wir Gotteskinder haben ja das höchste Ziel, das man sich vorstellen kann, nämlich an der Ersten Auferstehung teilzuhaben. Und dieses Ziel erreicht man nicht so nebenbei, sondern da heisst es, ganz besonders fleissig zu sein. Dann wird der Herr Jesus uns sagen können, wenn er wiederkommt: 'Du wirst jetzt versetzt in den Hochzeitssaal.' Um das zu erreichen, lohnt sich jeder Einsatz [ ... ] Und wer vom Herrn in den Hochzeitssaal versetzt werden möchte, der darf nicht denken: 'Ich brauche nur immer in den Gottesdienst zu gehen, dann
wird mich der Herr Jesus annehmen.' Das ist wohl die Grundvoraussetzung, reicht aber nicht, um würdig zu werden. Dazu muss man sich schon von ganzem Herzen bemühen zu tun, was dem himmlischen Vater gefällt. Und was ihm gefällt, das sagt er uns durch den Stammapostel, den Bezirksapostel, die Apostel und die treuen Brüder."
79)Ich denke, es wird immer deutlicher, wie sehr Menschen durch die neuapostolische Lehre von Menschen abhängig gemacht werden. Bereits von klein auf wird verinnerlicht, dass befolgt werden muss, was die sogenannten Segensträger der NAK sagen, da sie angeblich den Willen Gottes vermitteln.
"Aber nun sollt Ihr auch die ganze Wahrheit erfahren. Unser Stammapostel hat kürzlich im Gottesdienst über das Danken gesprochen. Da konnte man merken, dass er darin eine grosse Erfahrung hat. Er hat nicht nur auf den Herzensdank und das Dankeschön-Sagen hingewiesen, sondern auf noch eine wichtige Stufe des Danks: den Tatendank. 'Das ist', so sagt er, 'im Werke unseres Gottes Mitarbeit und Nachfolge.'"
80)Diese einfache, jedoch folgenschwere "Wahrheit" ist für das Fortbestehen einer Sekte von grösster Wichtigkeit. Jeder muss verinnerlicht haben, wie wichtig es ist, in diesem Werk mitzuarbeiten und nachzufolgen. Selbständigkeit und eigene Bedül;rfnisse müssen unterdrückt werden, wenn man "Gottes Willen" erfüllen möchte.
"Aber noch mehr wünsche ich Euch und mir natürlich auch, dass wir alle als Gotteskinder den besten Abschluss erreichen, den man sich vorstellen kann, nämlich angenommen zu werden, wenn der Herr Jesus nun bald kommt. Und auch da heisst es, nicht zu träumen, sondern jeden Tag gewissenhaft zu tun, was der Herr uns durch seine Knechte sagt."
81)Einem wahrhaft treuen Gotteskind bleibt kaum noch Zeit, um Mensch zu sein. Das "Werk Gottes" fordert seine ganze Kraft und Zeit. Hat Gott den Menschen nicht als Individuum geschaffen, mit eigenen Bedürfnissen und Gefühlen? Darf eine "Kirche" Menschen so vereinnahmen, dass für das Menschsein keine Zeit mehr übrigbleibt? Wird hier "Gottes Wille" nicht missbraucht, um Macht über Menschen auszuüben und sie somit gehorsam und folgsam zu machen? Den wirklich treuen Gotteskindern darf man keinen Vorwurf machen, weil sie das alles mit sich geschehen lassen. Sie habe