Geschichte der Sekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
1. Die alten Irvingianer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2
2. Die deutschen Irvingianer (Geyerianer) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
3. Die Neu-Irvingianer (Krebsianer) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
Hauptlehre und Verfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
1. Apostelamt. Jesus Christus. Heilige Schrift . . . . . . . . . . . . . . . . 39
2. Legitimation der Apostel durch die Heilige Schrift . . . . . . . . . . . 46
3. Legitimation der Apostel durch ihre Erfolge . . . . . . . . . . . . . . . . 53
4. Organisation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54
5. Die andern Aemter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
Feier der Gottesdienste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
Die Sakramente und kirchlichen Handlungen . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
1. Taufe und Versiegelung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
2. Das heilige Abendmahl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
3. Konfirmation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
4. Trauung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79
Die sieben Geistesgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81
Stellung zum evangelischen Glaubensbegriff . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
Lehre von den letzten Dingen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
Ihr Liebes- und Gemeinschaftsleben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
Stellung zur Kirche und Auftreten nach aussen . . . . . . . . . . . . . . . 108
Unser Verhalten gegenueber den Neu-Irvingianern . . . . . . . . . . . . 117
Unter den Sekten der Neuzeit tun sich die Neu-Irvingianer, welche sich selbst "apostolische Gemeinde" nennen, durch eifrige Taetigkeit, Andersdenkende zu gewinnen, besonders hervor. Sie bilden eine Abzweigung der alten Irvingianer oder der "katholisch-apostolischen Gemeinde", sind aber, da sie von den alten Irvingianern nur als Nachfolger exkommunizierter Maenner betrachtet werden, voellig von ihnen getrennt, in Lehre, Verfassung und Gottesdienst anders geartet und ueben mehr als jene auf die urteilslose Menge einen bedeutenden Einfluss aus. Waehrend die katholisch-apostolische Gemeinde, nachdem sie nunmehr alle ihre neu erstandenen englischen Apostel durch den Tod verloren, ein ruehrend Bild stiller, inniger Erwartung des Herrn bietet, den Gottesdienst kuerzt, die Evangelisten-Predigt fortlaesst, eine Versiegelung der Glaeubigen nicht mehr vornimmt und sich nicht anders mehr zu troesten weiss als mit der "Stille in dem Himmel bei einer halben Stunde" (Offb. 8, 1), ruehmt sich die apostolische Gemeinde der Neu-Irvingianer ihrer allerneusten Apostel und geht als kraeftiger Irrtum durch die Welt. Zu ihrem Verstaendnis notwendig ist die G e s c h i c h t e des "apostolischen Werkes" im neunzehnten Jahrhundert, denn die Neu-Irvingianer koennen und moegen den Zusammenhang mit der alten englischen Bewegung nicht leugnen. Es kommt jedoch die Geschichte dieser Bewegung fuer uns nur insoweit in Betracht, als sie zum Verstaendnis und zur Beurteilung der Neu-Irvingianer erforderlich erscheint.
Die Entstehung des "apostolischen Werkes" wird von den Neu-Irvingianern wie bei den alten fast stereotyp folgendermassen dargestellt: "Durch den Geisterkampf, der am Schlusse des 18. Jahrhunderts in der ganzen Christenheit entbrannte, besonders in Europa durch die Erweckungen in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts, erwachte in der glaeubigen Christenheit die lebendige Hoffnung auf die baldige Wiederkunft Jesu Christi; man erkannte, dass die grossen geistigen Bewegungen und Stuerme, die Revolutionen, Kriege, zunehmende Gottlosigkeit und Bosheit die Vorboten der letzten Zeit seien." Besonders in England achtete man am Anfang des 19. Jahrhunderts auf die Zeichen der Zeit, und aus Geistlichen und Laien verschiedener Kirchen bildete sich ein Verein von glaeubigen Forschern, welche sich dem Studium der Propheten und der Offenbarung Johannis widmeten, in Gebeten ueber das Verderben der Kirche klagten und um eine Erneuerung und Belebung, um eine neue Ausgiessung des heiligen Geistes, um eine Erweckung der geistlichen Gaben flehten. Sie hielten in den zwanziger Jahren den 19. Jahrhunderts eine Zusammenkunft in dem Schlosse zu Albury, dessen Besitzer Henry Drummond, ein frommer und reicher Bankier, die gastfreundlich aufnahm.
Zu diesem Kreise geheorte auch Edward Irving, der, 1792 zu Annan in Schottland geboren, damals Prediger der schottischen oder kaledonischen Gemeinde in London war. Durch seine eigenartigen und erschuetternden Predigten hatte er die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, und je mehr er von dem Kreise jener Maenner beeinflusst wurde, "predigte er maechtig von dem babylonischen Zustand der Kirche, von den nahenden Gerichten, von der Zukunft des Herrn und der darauf folgenden Aufrichtung seines Reiches." Da "antwortete Gott auf das Flehen seiner Knechte" im Jahre 1830 und schenkte zunaechst einigen Mitgliedern der reformierten schottischen Kirche in Port Glasgow am Ufer des Clyde geistliche Gaben. In Hausandachten und Gebetsversammlungen empfingen sie, wie es heisst, Worte der Weissagung und Reden in Zungen und Visionen und die Gabe gesund zu machen. Von letzterer Gabe werden vereinzelte Faelle erzaehlt, in denen ein Schiffszimmermann James Macdonald an zwei schwindsuechtigen jungen Maedchen gewirkt, doch hat sich dieser Mann, von dem spaetere Wundertaten nicht mehr berichtet werden, der irvingianischen Bewegung nicht angeschlossen. (1) Kolde: Edw. Irving S. 57 f.)
Als Irving und seine Freunde von dieser "Geistesausgiessung" hoerten, hatten sie den lebhaften Wunsch, Aehnliches auch in London zu erleben, und nachdem sie einige Freunde nach Schottland geschickt hatten, welche die wunderbaren Ereignisse in Port Glasgow "pruefen" sollten, hatten sie die Freude, auch in ihren Gebetsversammlungen unverstaendliche Laute der Verzueckung und dann auch in prophetischem Geiste klar gesprochenen Worte wie "der Herr will sprechen zu seinem Volk, der Herr kommt" zu vernehmen. Fuer Irving war es kein Zweifel, dass diese Aeusserungen direkt von Gott gewirkt waren, und so wurden sie mit seiner Zulassung nicht bloss in Gebetsversammlungen, sondern auch in seiner Kirche waehrend des Gottesdienstes laut, und zwar zuweilen so furchtbar, dass Zuhoerer davon Ohnmaechtig wurden. Das schottische Presbyterium sah sich darauf veranlasst, im Jahre 1832, da guetliche Vorstellungen nicht wirkten, Irving wegen Zulassung der Stoerung des Gottesdienstes aus der kaledonischen Kirche zu verweisen. Jetzt sammelte Irving die Seinen in einem Privatlokal, und 60 junge Maenner aus Irvings Gemeinde gingen aus, um in den Strassen der Stadt das Evangelium zu predigen und die, welche durch ihr Wort ergriffen wurden, hereinzufuehren. So entstanden mit der Zeit sieben Gemeinden in London, (2) Thiersch: "Ueber die Gefahren etc." S. 69.) eine Nachbildung der sieben Gemeinden der Offenbarung Johannis (1, 4 ff.). Die religioese Begeisterung, aber auch mancherlei Unordnung stieg aufs hoechste. Unangenehme Schlaege fuer die Bewegung waren Aeusserungen anerkannter und hochverehrter Propheten, dass sie in Selbsttaeuschung geredet. So sprach der hochverehrter Prophet Baxter die Ueberzeugung aus, dass er wie alle andern durch einen Luegengeist und nicht durch den Geist Gottes gesprochen haette, und eine Miss Hall, welche im Geiste gesungen hatte, kehrte der Bewegung den Ruecken. (1) Kolde: Edw. Irving S. 62 u. 66.) Kein Wunder, dass man sich nach einem ordnendem Amte, einer entscheidenden Autoritaet sehnte. Sie fand sich bald. Weil Eph. 4, 11 steht: "Er hat etliche zu Aposteln gesetzt, etliche aber zu Propheten, etliche zu Evangelisten, etliche zu Hirten und Lehrern," war man der Meinung, dass nur durch Aufrichtung des vierfachen Amtes und insbesondere des Apostelamtes der Kirche geholfen werden koenne. Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer, nach Offenbarung Johannis Engel genannt, hatte man bereits; jetzt kamen die Apostel. In einer Gebetsversammlung, welche am 7. November 1832 bei Irving stattfand, wurde der Advokat John Cardale in London von dem uns bereits bekannten Drummond "durch ein maechtiges Wort der Weissagung" als Apostel bezeichnet. Cardale lag gerade auf den Knien in heissem Gebet fuer die Kirche Gottes. Da ward Drummond "vom heiligen Geist getrieben, an ihn heranzutreten und ihn in der Kraft des heiligen Geistes anzureden: "Bist du nicht ein Apostel? Tue eines Apostels Werk!"" (2) v. Richthofen: Die apostolischen Gemeinden. Augsburg 1884. S. 42.) Dieser Vorgang gilt bei den Irvingianern als die Berufung des Apostels durch Gott den Herrn! Bald kamen im Lauf der Jahre auf aehnliche Weise zu diesen ersten Apostel andere. Der Mann, welche der Bewegung den groessten Dienst getan, Irving, ist niemals Apostel geworden, ja man hatte und hat noch heut das Bestreben, um die Sache nicht als das Werk eines bedeutenden Menschen, sondern ausschliesslich als Gottes Werk erscheinen zu lassen, Irving in den Hintergrund zu draengen. Irving bekam auch die Macht des neuen Apostolats bald zu fuehlen. Als er ohne besondere Genehmigung der Apostel auf ein prophetisches Wort des in hoechsten Ansehen stehenden Propheten Taplin in seiner Gemeinde eine kirchliche Neuordung vornehmen wollte, wurde ihm gesagt, dass "er nicht verstehe, die Weissagung in die kirchliche Praxis zu uebersetzen", ja einmal kuendigte ihm ein Brief des Apostels Cardale an, "dass er wie der Prophet Taplin vom Satan getaeuscht waere, dass sie oeffentlich anerkennen sollten, dass sie aus Missverstand gesuendigt un dem Herrn widerstrebt haetten." (1) Kolde: Edw. Irving S. 78. Rossteuscher: Der Aufbau. S. 424 ff.) Und doch war auf prophetischen Ruf das Apostolat gekommen! Wie, wenn auch da Taeuschung des Satans vorlag, was ist's dann mit dem ganzen Apostolat der Neuzeit? Das Apostolat durch Propheten, und die Propheten der Taeuschung unterworfen!
Irving blieb ein gehorsamer Sohn der Apostel, obgleich er sich das Wirken derselben zuweilen anders gedacht; aber seine Koerperkraft war allem, was er erlebt, und seiner aufreibenden Taetigkeit nicht gewachsen, und frueh gealtert starb er am 8. Dezember 1834 wenige Monat ueber 42 Jahre alt.
Nach Irvings Tode nahm das apostolische Werk stuermisch Fortgang. Da die Zwoelfzahl der Apostel noch nicht voll war, wurden die noch fehlenden sechs durch den aeltesten Apostel berufen, und am 14. Juli 1835 geschah die "Aussonderung der zwoelf Apostel". Sie, die bisher als Engel in den verschiedenen Gemeinden gedient hatten, sollten von ihrer oertlichen Gebundenheit frei werden und allein ihrem apostolischen Beruf fuer die ganze Kirche obliegen. Nach dieser Aussonderung zogen sich die Apostel auf ein Jahr nach Albury zurueck, wo sie die Heilige Schrift lesen und durch gegenseitige Belehrung eines Sinnes werden wollten und wo ihnen durch sieben beigeordneten Propheten "Stroeme von Offenbarungen" zuflossen. "Die ganzen Geheimnisse der Kirche und ihre Bestimmung, der Gottesdienst, die Disziplin, alles wurde ihnen aus der Stiftshuette (durch geistliche Deutung derselben) durch die Weissagung erklaert." (2) Thiersch: S. 71.)
Am 15. Juli 1836 wurde die Christenheit unter die zwoelf Apostel g e t e i l t, indem jedem dieser "Fuersten des geistlichen Israel" ein Stamm zugewiesen wurde. So bekam Cardale England, das geistliche Juda, Carlyle Norddeutschland, Woodhouse Sueddeutschland und Oesterreich. Zunaechst liessen die neuen Apostel ein Testimonium ausgehen an die Patriarchen, Erzbischoefe und Bischoefe und anderen Vorsteher der Kirche Christi in allen Landen und an die Kaiser, Koenige, Fuersten und anderen Regenten der getauften Nationen, "ein Zeugnis von den kommenden Gerichten und den Ratschluessen Gottes zu unserer Errettung", das jedoch nicht beachtet, die Irvingianer sagen: nicht "gewuerdigt" wurde. Dann begaben sich die Apostel in Begleitung von Propheten, Evangelisten und Hirten in die ihnen zugeteilten Gebiete, um "wie Josua und seine Genossen das verheissene Land zu erkunden und die offenen Seiten herauszufinden, durch welche den Laendern die goettliche Botschaft zugefuehrt werden konnte." (1) Rossteuscher: S. 484.) Nachdem sie 1838 zurueckgekehrt und 1839 von neuem ausgezogen waren, wurden sie am Ende dieses Jahres ploetzlich von ihrem Senior Cardale nach London zurueckgerufen, weil schwerwiegende Streitigkeiten ueber das Ansehen der Apostel ausgebrochen waren. Mehrere "Engel" hatten, obwohl sie die apostolische Autoritaet anerkannten, unter Zustimmung von Propheten groessere Selbstaendigkeit in der Leitung der Gemeinden beansprucht, aber sie wurden abgewiesen, und es wurde ihnen gesagt, "dass die Lauterkeit des gesprochenen Wortes abhaengig sei von der inneren Reinheit des Induviduums, dass ein Prophet in einem unreinen Zustand nicht wahrhaft weissagen koenne, und dass es den Aposteln zustehe, endgueltig zu entscheiden, was wahre Prophetie sei und was nicht." (2) A. Nissen: Irvingianer oder evangelischer Christ? Leipzig 1900. S. 9.) Der Streit wurde noch einmal beigelegt, hatte jedoch die Folge, dass einer der Apostel, Mackenzie, welcher fuer Norwegen und Schweden bestimmt war und "nach der Aussonderung vergeblich auf eine neue Ausgiessung des heiligen Geistes gewartet hatte, an seiner Apostelwuerde irr wurde und sich gaenzlich zurueckzog." (1) Herzogs Real-Enzyklopaedie 3. Aufl. Art. Irving (von Kolde). S. 432.)
Nach der Beruhigung der Gemeinden ging man an die Ausarbeitung einer Liturgie fuer die sonntaegliche Abendmahlsfeier, fuer den taeglichen Morgen- und Abenddienst und fuer die andern heiligen Handlungen und nannte sich fortan "k a t h o l i s c h - a p o s t o l i s c h e Gemeinde." Im Jahre 1847 fuehrte man die den Irvingianern eigentuemliche "Versiegelung" ein, eine Handauflegung seitens der Apostel, welche mit Offb. 7, 3 begruendet wurde und durch welche die Erstlinge aus der grossen Truebsal (Offb. 7, 9-17; 14, 1-5) errettet werden sollten.
In Deutschland breitete sich in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, zumal beguenstigt durch die Unruhe der Zeit, die Bewegung aus. Es fielen ihr von bekannteren Persoenlichkeiten zu: der Kreuzzeitungs-Redakteur Wagener in Berlin, der Professor Thiersch in Marburg, der Diakonus Rothe zu Trebbin und der Prediger Koeppen an der boehmisch-lutherischen Gemeinde in Berlin. Auch einzelne Adelige wie von Richthofen und von Pochhammer stellten sich in ihren Dienst. Ihrer Ausbreitung entgegen war bei den Gebildeten die gekuenstelte Bibeldeutung, bei der grossen Menge ihre Lehre vom Zehnten alles Einkommens, welchen nach alttestamentlichem Gebot jeder Glaeubige fuer Kirchenzwecke herzugeben hatte. Dazu kam, dass man bei der gluehenden Erwartung der Wiederkunft des Herrn bestimmte Termine seines Kommens wie der 14. Juli 1835, Weihnachten 1838, 14. Juli 1842, 1845, 1855 aufgestellt hatte, (2)Herzogs Real-Enzyklopaedie 3. Aufl. Art. Irving (von Kolde). S. 433 f.) und die nicht eingetretene Erfuellung gab jedesmal einen Rueckschlag. Bedenklich machte auch dies, dass gegen alle bestimmt ausgesprochene Erwartung die Apostel starben wie anderen Menschen. (3)Herzogs Real-Enzyklopaedie 3. Aufl. Art. Irving (von Kolde). S. 434.) So starben im Jahre 1855 Mackenzie, Carlyle und W. Dow; heute sind sie alle tot, sie, die doch zur Fuehrung der Kirche unumgaenglich notwendig sein sollten. Der letzte englische Apostel Woodhouse ist am 3. Februar 1901 gestorben.
Ein Teil der Irvingianer sah dies Geschick voraus und versuchte ueber die Zwoelfzahl der Apostel hinauszugehen, die gestorbenen durch neue zu ersetzen, obwohl die Apostel selbst dagegen waren. So kam es zu Neubildungen.
Es war im Jahre 1860, als das Apostel-Kollegium, damals nur noch sechs an der Zahl, in Albury zu einer Konferenz zusammenkam. Daran musste auch auf den Ruf seines Apostels Woodhouse der Berliner Prophet Heinrich Geyer teilnehmen. Dieser bezeichnete nun in Albury "durch Weissagung" den Koadjutor (1) In bezug auf Koadjutoren der Apostel (Apostelhelfer) hatten die Apostel am 28. Oktober 1852 folgenden Beschluss gefasst: "Jeder Apostel ist berechtigt, mit Gutheissung seiner Brueder einen geweihten Engel als seinen Koadjutor fuer den ihm anbefohlenen Stamm anzustellen." Von dieser Berechtigung wurde jedoch einstweilen kein Gebrauch gemacht, solange die Apostel sich noch imstande fuehlten, die ihnen obliegenden Aufgaben allein auszufuehren. Das wurde aber in dem Masse schwieriger, als die Zahl der Gemeinden sich mehrte und ihre eigene Zahl durch den Tod sich verminderte. Dadurch wurde ihnen die Wahl von Koadjutoren nahe gelegt. Dazu kam, dass gelegentlich durch Propheten Worten an einzelne Maenner gerichtet wurden, in welchen die Apostel eine Berufung zur Stellung von Koadjutor der Apostel erkannten. Das erste Wort derart wurde am 7. Juli 1859 durch den Propheten Taplin an Herrn Charles Boehm gerichtet; auf Grund dessen wurde Herr Boehm im September 1859 zum Koadjutor des Apostels fuer Norddeutschland gewaehlt. Im August 1865 wurde Herr Caird zum Koadjutor berufen und im Dezember 1865 als solcher gewaehlt. Dies nach guetiger Mitteilung des Vorstehers der katholisch-apostolischen Gemeinden Berlins, Herrn Karl Rothe, der seine Mitteilung urkundlich zu belegen imstande ist.) Charles Boehm als Apostel fuer Deutschland und den Evangelisten Caird als Apostel fuer Frankreich. Die versammelten Apostel erteilten dazu nicht die Zustimmung, gaben wielmehr unter Berufung auf Offb. 4, 4, wo nur von 24 Aeltesten, nach ihrer Deutung 12 Aposteln am Anfang und 12 am Ende der Zeit, die Rede sei, ihren Spruch dahin ab, dass sie neue Apostel in ihren Kreis nicht mehr aufnehmen koennten. Die Frage einer etwaigen Berufung neuer Apostel war von ihnen schon im Jahre 1855, als einige aus ihrer Mitte durch den Tod weggenommen wurden, "reiflich erwogen," und sie waren dabei zu folgendem Schluss gekommen: "dass fuer einen solchen Schritt (d. h. die Ausfuellung der Stellen abgeschiedener Apostel durch andre) keine Ermaechtigung in der Heiligen Schrift gegeben ist, dass das Beispiel des Judas, der durch Uebertretung fiel, hierher nicht passt, dass sie also nicht gutheissen auch nicht selbst ergreifen koennen die Initiative eines Versuchs zur Ausfuellung der Stelle eines berufenen und ausgesonderten Apostels, der durch den Tod hinweggenommen worden; dass sie also diese Sache dem Herrn ganz anheimstellen und sich damit begnuegen muessen, mit desto groesserem Fleiss zu arbeiten, damit sie von ihm am Tage seiner Erscheinung als treue Knechte anerkannt werden moegen." (1) Nach Mitteilung des Herrn Karl Rothe in Berlin.) Geyer beruhigte sich scheinbar bei dem Abweis seiner Apostelrufungen.
Bald sollte ein zweites Moment des Aergernisses eintreten. Im August 1861 begleitete Geyer seinen Apostel Woodhouse auf einer Dienstreise nach Koenigsberg in Preussen. Beide wohnten bei dem dortigen Aeltesten Rozochacki. (2) Sprich: Rosochatzki. Nach guetiger Mitteilung des Herrn Pastors G. Beitmann in Luetgendortmund ist Rozochacki die richtige Schreibweise. Die Neu-Irvingianer schreiben: Rosochasky, Koehler: Rosagatzki) Als der Apostel bereits nach seinem Zimmer gegangen war, so berichtet Koehler (S. 133), fragte Geyer den Rozochacki, ob er wohl wuesste, dass fuer die Anfuellung des Apostolats gebetet wuerde, und lud ihn ein, sich dazu mit ihm im Gebet zu vereinigen. Rozochacki, welcher nichts von dem ersteren wusste, war zu dem letzteren gleich bereit und wurde waehrend des Gebetes durch den Propheten Geyer "in seiner Macht" zum Apostel gerufen. Der also Gerufene, ausser sich vor Erregung und Freude, wollte den Apostel Woodhouse, welcher sich noch nicht zur Ruhe begeben hatte, von diesem Vorfall sogleich in Kenntnis setzen; Geyer jedoch hielt ihn zurueck. Die Zeit des Offenbarmachens waere noch nicht da, sie muessten beten, dass sie bald kommen moechte.
Und sie kam bald, naemlich bald nach der Amtsentsetzung Geyers. Die Veranlassung dazu lag in folgendem. Im Jahre 1862 hatte Geyer in einer Berliner Gemeinde nach Verlesung von Sprueche 26, 24-26 die Weissagung gebracht, "dass der Boshaftige in den sieben Greueln vor der Gemeinde offenbar werden" solle. Der Engel Rothe fragte Geyer, ob er denn nicht der apostolischen Lehre glaubte, dass die Gemeinde v o r h e r aufgenommen werden sollte, aber Geyer weigerte sich und wurde nun wegen Irrlehre seines Amtes entsetzt.
Von diesem Vorfall machte Geyer dem Engel Schwarz in Hamburg, den er in Bezug auf die Anfuellung des zwoelffachen Apostolats als gleichgesinnt erkannt und und im Widerstreit mit dem Ober-Engel Rothe in Berlin erfunden hatte, (1) Die "Waechterstimmen" (Nr. 5) berichten, "dass Schwarz dafuer strebte, dass der Gemeinde die Vollzahl der Aemter gegeben wuerde, Eph. 4, 11-13." Waehrend kleinere Gemeinden dieselbe schon hatten, waere sie der grossen Gemeinde in Hamburg durch den Ober-Engel Rothe verweigert worden. Was fuer fehlende Aemter gemeint sind, wird nicht berichtet.) Mitteilung. Schwarz riet ihm, sich zu unterwerfen, aber Geyer liess nun a Schwarz die weitere Mitteilung folgen, dass durch seinen Mund in Koenigsberg Rozochacki zum Apostel berufen sei. Als Schwarz sich an beide, Rozochacki wie Geyer, mit der Bitte wandte, ihm bei dem lebendigen Gott zu schwoeren, ob dieser Ruf wirklich von Gott waere, bekam er Anfang Dezember 1862 von ihnen die Versicherung, dass dem so waere. Nun nahm er Rozochacki im Glauben als Apostel an, teilte dies seiner Gemeinde mit, nachdem er sie einen Monat lang durch seine Predigt darauf vorbereitet hatte, liess Anfang Januar 1863 Rozochacki und Geyer nach Hamburg kommen und trennte sich in ihrer Gegenwart, indem er sein Amt als Hilfsengel niederlegte, mit seiner ganzen gemeinde, nur drei Mitglieder ausgenommen, von der Gemeinde zu Berlin. (1) S. Koehler: Het Irvingisme. S. 133 ff.)
Schon schien es, als waere die Absonderung vollendet, da ereignete sich das Merkwuerdige, dass Rozochacki zum Zweifel an seiner Apostelwuerde und zum Gestaendnis gebracht wurde, dass er g e i r r t habe. Man nahm den Bussfertigen wieder auf in sein altes Amt. Fuer die Hamburger Gemeinde aber, welche ohne Apostelgrund in der Luft schwebte, ergab sich nun die Notwendigkeit, es zu versuchen, die Verbindung mit Berlin und dem alten Apostolat wiederherzustellen. Im Einverstaendnis mit der Hamburger Gemeinde ging Schwarz in Februar nach Berlin, um dort mit Rothe ueber eine Wiedervereinigung zu unterhandeln. Rothe verlangte nichts weniger, als dass Schwarz mit der Hamburger Gemeinde die Geyersche Berufung Rozochackis als Teufelswerk erklaeren sollte. Darein moechte Schwarz nicht willigen, weil er nichts wider den heiligen Geist tun wollte und an die Vollzahl der Aemter wie an die Fortsetzung des zwoelffachen Apostolats glaube. Er wollte nach Hamburg zurueckreisen, aber Thiersch bat ihn, noch zu bleiben, da der Apostel Woodhouse ihn und Geyer am folgenden Abend in der Sakristei sprechen wolle. Er kam mit Geyer, und der Apostel Woodhouse las ihnen nun die Exkommunikation vor. (2) "Waechterstimmen" Nr. 5 und Koehler.) So waren sie feierlich aus der Gemeinde ausgeschlossen und abgefertigt.
Schwarz reiste nach Hamburg zurueck, wo alsbald die Gemeinde zusammenkam und beschloss, "so lange ohne Apostel zu bleiben, bis der Herr sie geben wuerde."
Eine Sendung des Evangelisten Ruehrmund nach Hamburg, welcher die Gemeinde aus Schwarzens Haenden retten sollte, hatte keinen Erfolg. Somit war d a s S c h i s m a v o l l e n d e t. Die neue Gemeinde bekam auch bald ihren Apostel, denn nach wenigen Monaten wurde der Priester Preuss in Hamburg durch Geyer ins Apostelamt berufen und von Schwarz und der Gemeinde angenommen. Ihm wurde als Apostelgebiet Norddeutschland und Skandinavien zugewiesen, waehrend der am Pfingsfeste desselben Jahres (1863) zum Apostel berufene Schwarz, der spaeter seine eigenen Wege ging, sich von der Hamburger Gemeinde trennte und mit Krebs in Verbindung trat, Holland und Belgien bekam. Preuss starb am 25. Juli 1878, und sein rechtmaessiger Nachfolger im Apostelamt wurde Gueldner, welcher bereits zu Lebzeiten von Preuss durch Geyer zum Apostel berufen war und dann am 4. August 1878 ausgesondert wurde, d.h. als Wirkungskreis das durch Preuss's Tod erledigte Apostelgebiet Norddeutschland und Skandinavien erhielt. Er ist am 31. Maerz 1904 gestorben.
Die im Jahre 1863 gebildete Gemeinde mit dem deutschen Apostel Preuss und dem Propheten Geyer nannte sich fortan im Unterschied von den katholisch-apostolischen Gemeinden der englischen Irvingianer "allgemeine christliche apostolische Mission." Da manche an dem Wort "katholisch" der alten Ordnung Anstoss nahmen, verdeutschte man es zu "allgemein-christlich," und da zum Ausdruck gebracht werden sollte, dass die apostolische Sache nicht "d i e Kirche," auch nicht eine Kirche in der Kirche sei, sondern vielmehr eine Sendung an die Kirche, entstand in Hamburg die Bezeichnung "apostolische Mission." Es ist daher diese Gemeinden eine "Apostolische Missionsgemeinde," welche "apostolische Mission" betreibt.
Die Seele dieser Bewegung war Heinrich Geyer, weshalb auch seine Anhaenger von der "alten Ordnung", "Geyerianer" genannt wurden. Er selbst ist nie Apostel geworden, wie es nach der Lehre der "Apostolischen Mission" auch gar nicht angaengig ist, dass von den "beiden Grundaemtern", dem Apostel- und Prophetenamt, das eine ins andere uebergehen koennte.
Am 4. Oktober 1896 ist Geyer, einige 70 Jahre alt, gestorben und auf dem Olsdorfer Friedhof beerdigt. Er war ein begabter Mann und gebot ueber einen reichen Schatz der deutschen Sprache, eine schoene Diktion. Von seinen vielen, von ihm herausgegebenen Wochen- und Monatsblaettern, welche manches Erbauliche und Interessante erhalten, im Buchhandel aber leider nicht mehr zu haben sind, nenne ich, damit sie nicht der Vergessenheit anheimfallen:
1. "D i e M o r g e n r o e t h e." "Ein christliches Sonntagsblatt fuer Stadt und Land," Druck und Verlag von G. Jansen on Berlin, Juedenstrasse 28, erschienen in den Jahren 1860 bis 1863. Dies Blatt schrieb Geyer, als er noch mit der "alten Ordnung" zusammen arbeitete. Es hatte einen sehr grossen Leserkreis in allen apostolischen Gemeinden Deutschlands. Als aber Geyers Exkommunikation erfolgte, wurde, wie berichtet wird, allen Gemeinden bei Strafe der Exkommunikation verboten, die "Morgenroethe" weiter zu lesen. So folgte:
2. Der "S e n d b o t e". "Frische Blaetter und Fruechte vom Baume des Lebens zur Gesundheit des christlichen Volkes. Ein Sonntagsblatt fuer Stadt und Land," in Kommission bei G.E. Nolte (Heroldsche Buchhandlung) in Hamburg, Rathausstrasse 5, erschienen in den Jahren 1863-1865.
3. "A b e n d- u n d M o r g e n r o t d e r K i r c h e C h r i s t i, ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Beleuchtet im Lichte des Wortes Gottes und an der Hand der Geschichte. Monatsblaetter fuer denkende Christen und Geistliche aller Konfessionen." Im eigenen Verlag des Herausgebers, gedruckt in Salzgitter bei Karl Witt. 1874, vielleicht auch weitere Jahre.
4. "D e r S a e m a n n. Monatsblatt fuer haeusliche Erbauung und christlichen Religions-Unterricht der Kinder." Redaktion und Verlag von Heinrich Geyer, Missionsprediger in Hamburg. Druck von Karl Witt in Salzgitter. 1878-1879.
5. "D e r P r e d i g e r i n d e r W u e s t e. Monatsblatt. Eine Waechterstimme an alle Christen, zur Vorbereitung auf die Wiederkunft unsers Herrn Jesu Christi." Expedition und Verlag von H.W. Lehsten, Hamburg, Jollenbrueck 4. Erschien zuerst Oktober 1887 bis September 1888.
6, "B l i t z e , D o n n e r u n d S t i m m e n. Zeugnisse der Wahrheit an das christliche Volk." Monatsblatt. Expedition und Verlag wie bei Nr. 5, erschien Januar 1891 bis Juni 1892.
Die Rechtfertigung seines Werkes, der Rufung deutscher Apostel, hat Geyer in einer Broschuere "Vergangenheit und Zukunft der Kirche Christi," erschienen 1889 bei H.W. Lehsten in Hamburg, darzulegen gesucht.
Sein eigenartiges Auftreten hing mit der Befuerchtung zusammen, dass das apostolische Werk in eine Sackgasse geraten wuerde. Er sah die alten englischen Apostel hinsterben und fand bei der Berufung neuer Apostel Widerstand. Man wollte ueber die Zwoelfzahl nicht hinausgehen und war daran auch gehindert durch die lebendige Hoffnung, dass die jetzt lebenden Menschen, d i e s e Apostel, die Kirche dem Herrn Christo wie eine reine Jungfrau zufuehren wuerden, dass die Auserwaehlten vor der grossen Stunde der Versuchung dadurch errettet werden sollten, dass sie von der Erde hinweg in den Himmel entrueckt wuerden. Es erschien ihnen wohl wie ein Aufhalten der Wiederkunft des Herrn, wenn sie neue Berufungen von Aposteln zuliessen, Geyer hatte sich von der Unhaltbarkeit der Entrueckungslehre und ihrer Hinderung, neue Apostel zu berufen, ueberzeugt und brachte 1862 in der Berliner Gemeinde die bekannte Weissagung, "dass der Boshaftige in den sieben Greueln vor der Gemeinde offenbar werden" sollte. Der Widerruf wurde ihm nahe gelegt, aber nach seiner Ueberzeugung konnte und wollte er nicht widerrufen. So folgte die weitere Entwicklung, wie sie oben geschildert ist.
Die Berechtigung aber, neue Apostel zu rufen, leitete Geyer aus Apostelgeschichte 13, den Vorgaengen in Antiochien her, wo nach seiner Meinung die Berufung des Paulus und Barnabas durch das Wort der Weissagung aus dem Munde eines Propheten erfolgte, o h n e d a s s d i e u e b r i g e n A p o s t e l b e f r a g t w o r d e n w a e r e n; dazu stuetzte er sich, wie aus seiner Broschuere "Vergangenheit und Zukunft der Kirche Christi" zu ersehen ist, auf Aeusserungen anerkannter Lehrer der katholisch-apostolischen Gemeinde wie Thomas Carlyle und Charles W. T. Boehm, welche die Berufung der neuen, englischen Apostel durch das Wort der Weissagung zu rechtfertigen suchten. Nur wurde von Geyer uebersehen, dass der Apostel Paulus doch noch eine ganz andere, unmittelbare Berufung vom Herrn erhalten hatte (Apostg. 22, 21), dass er tatsaechlich auch die Anerkennung der uebrigen Apostel erhielt und dass nach der bisherigen Praxis in der katholisch-apostolischen Gemeinde die Apostel immer die Ausschlag gebende Instanz waren. So hatte sich auch der hochverehrte englische Saeulenprophet Taplin dem Spruch der Apostel "nach strenger Busszucht" unterworfen, (1) S. D. Kolde: Edward Irving. Leipzig 1901. S. 78.) und er selbst, Geyer, hatte noch 1860 nach Abweis seiner Rufungen in Albury den Widerstand der Apostel ertragen, sich gefuegt und sein Amt nicht niedergelegt.
Naturgemaess bildete sich bei ihm, dem Propheten, eine Hoeherstellung des Prophetenamtes, eine Gleichstellung mit dem Apostelamt heraus. So weisst er hin (2) "Vergangenheit und Zukunft der Kirche Christi." S. 5 und 6.) auf Eph. 3, 5, wonach "das Geheimnis Christi seinen heiligen Aposteln und Propheten offenbart ist durch den Geist", und folgert daraus, "dass das Amt der Propheten in der Kirche eine ebenso notwendige Bedingung" sei "als das der Apostel." Er weist hin auf Eph. 2, 19-22, "erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten" - und sagt dazu: "Gab Gott diesen beiden Aemtern der Kirche die Offenbarung seiner Ratschluesse und werden beide zugleich als die zwiefache Grundlage der Kirche bezeichnet, weil ein einzelnes Zeugnis nicht ausreichend ist, so geht daraus hervor, dass beide Aemter auch als unabhaengig eins vom andern, u n m i t t e l b a r vor Gott standen und ihre Offenbarungen als ein zwiefaches Zeugnis von ihm empfingen durch den heiligen Geist, dass jede Beeinflussung des andern hierbei unstatthaft sein musste, weil dadurch sofort der z w i e f a c h e Charakter gestoert und aufgehoben worden waere. Durch dieses zwiefache Zeugenamt geschah auch die Berufung und Sendung der Diener Jesu."
Aber wenn so die "zwiefache Grundlage" betont wird und dass "ein einzelnes Zeugnis nicht ausreichend" sei, dann liegt doch das Urteil nicht fern, dass bei dem Vorhandensein beider Grundaemter Geyers Zeugnis als e i n z e l n e s Zeugnis "nicht ausreichend" war, und es ergibt sich die nicht auszugleichende Spannung, dass zwei "unmittelbar vor Gott stehende Aemter" zur Zeit der Trennung zwei einander ausschliessende Offenbarungen empfingen; denn Geyer, der Prophet, sagt: "Gott hat neue, deutsche Apostel gegeben," Woodhouse aber und seine Mitapostel sagen: "Nein, nicht von Gott gegeben."
Auf seiten der "Apostolischen Mission" wird dagegen geltend gemacht, dass es mit der Berufung der durch Geyer berufenen deutschen Apostel um kein Iota anders zugegangen sei wie mit der Berufung der englischen Apostel, und die Praxis der katholisch-apostolischen Gemeinde, dass die zum Amt Berufenen durch die Apostel bestaetigt werden mussten, habe sich nur auf die Bestaetigung zu Priestern, Aeltesten und Bischoefen erstreckt, dagegen sei die Bestaetigung von Aposteln nie Praxis gewesen, ja das "zweite Zeugenamt," das Zeugnis der Apostel, sei bei der Berufung der Geyerschen A p o s t e l ueberfluessig gewesen. Aber wenn nun gesagt wird, dass die von Geyer gerufenen Apostel so wenig die Bestaetigung durch andere bedurft haetten, wie seiner Zeit der zuerst gerufene englische Apostel Cardale, der von einem andern gar nicht haette bestaetigt werden koennen, so ist doch zu statuieren, dass zu Geyers Zeit die Lage eben eine andere war. Denn zu Geyers Zeit war nach dem Glauben der Irvingianer im Apostolat das leitende, ordnende Amt vorhanden, welches bei der Berufung Cardales nicht vorhanden war, und es laesst sich geschichtlich feststellen, dass sich die englischen Apostel alle Rufungen neuer Apostel durch Propheten nicht ohne weiteres gefallen liessen, sondern das Recht der Bestaetigung in Anspruch nahmen. Bereits im Jahre 1860 in Albury waren Geyers Apostelrufungen abgewiesen - und das Recht der Abweisung schliesst das der Bestaetigung in sich - und ueber die Zeit der dreissiger Jahre des vorigen Jahrhunderts berichtet D. Kolde "Edward Irving" S. 77 ff.: "Ganz besonders skeptisch zeigten sich die Apostel gegen prophetische Ernennungen zu Aemtern oder gar zu Aposteln, welche Ehre einzelne Gemeinden ihren Gliedern zuzuwenden allzu eifrig schienen. Bisweilen wurde das Weissagen geradezu verboten."
Sagt man aber: "Gott machte einen neuen Anfang auf deutschem Boden," so sieht man Woodhouse als einen sich der Prophetie widersetzenden und als Irrenden an, und fuer alle die, welche sich nicht in die irvingianischen Gedankenkreise finden koennen, ergibt sich dann nur immer wieder der Schluss: Wenn die Apostel s o d e m G e i s t G o t t e s widerstreben und so wenig die Einheit der Kirche verbuergen koennen, welche sie nach der Meinung der Irvingianer doch gerade schaffen sollen, dann kann man von einer Wiederaufrichtung des Apostolats auch nicht eine besondere Erbauung des Leibes Christi erwarten.
Nach dem Gesagten liegt es auf der Hand, dass Geyers Gemeinde, die "allgemeine christliche apostolische Mission", eine Lehre von der Unfehlbarkeit der Apostel verwirft. Die Autoritaet derselben erstreckt sich nach ihrer Aussage "auf alles, was Leitung und Reinerhaltung der Lehre auf Grund der Heiligen Schrift anlangt," sonst aber stehen ihre Apostel und jeder der Diener, wie es so schoen und bildlich heisst, "nicht als die Herren des Glaubens da, sondern als Gehuelfen der Freudigkeit, und jeder Diener wuerde sich, auch wenn er alles getan haette, doch nur als einen unnuetzen Knecht vor Gott bekennen muessen."
Somit unterscheiden sich die Anhaenger der allgemeinen christlichen apostolischen Mission von der
katholisch-apostolischen Gemeinde nur darin, dass sie
1. die Berechtigung oder Notwendigkeit der Rufung neuer, deutscher Apostel in Anspruch nehmen,
2. dass sie die Lehre von einer vorherigen Entrueckung als unbiblisch verwerfen und
3. dass sie - ein Unterschied, der ihnen selbst nicht zum klaren Bewusstsein gekommen zu sein
scheint - das Propheten-Aamt dem Apostel-Amt gleichordnen.
Nach ihrer Meinung stehen sie auf dem urspruenglichen Boden der katholisch-apostolischen Gemeinde, denn aus Schriften und Predigten der englischen Apostel Drummond, Carlyle und Armstrong meinen sie beweisen zu koennen, dass, als der Tod in ihre Reihen Luecken riss, sehr wohl die Hoffnung und Erwartung bestanden hat, dass Gott die lebendigen Apostelstuehle wieder besetzen wuerde. Erst als das Seniorat auf den Apostel Woodhouse ueberging, habe man mit einem Mal die bis dahin gehegte Hoffnung fahren lassen. Auch die Entrueckungslehre haelt Geyer nicht fuer genuin "apostolisch" und beruft sich dabei (1) "Der Prediger in der Wueste," Monatsblatt. Hamburg 1888 S. 28 ff.) auf einen Vortrag des Propheten Eduard Taplin aus Albury, gehalten am 27. Mai 1851, in welchem jener es als seine eigene Meinung ausspricht, "dass der Boese noch erscheinen wird." Damals haetten die Apostel nicht protestiert, besonders erst seit 1863 sei die besondere Glaubenslehre der Entrueckung vorgetragen. So ist auch seine Polemik gegen die Entrueckungslehre, die er im 2. Teil seiner Schrift "Vergangenheit und Zukunft der Kirche Christi" gibt, neben den Ausfuehrungen Luthards (2) "Lehre von den letzten Dingen." 2. Aufl. 1870.) ueber diesen Punkt noch heute lesenswert und brauchbar. Im uebrigen glaubt auch er, wie sonst die Christenheit, an eine Verwandlung und Entrueckung im Sinne Pauli (1. Kor. 15, 51-52 oder 1. Thess. 4), nur nicht, dass die Entrueckung geschehen wird, "bevor der Antichrist als Mensch der Suende aufgetreten ist." (2. Thess. 2, 1-6).
Abgesehen von diesen Punkten stehen die Anhaenger der "apostolischen Mission" in bezug auf Lehre und kirchliche Ordnung mit der katholisch-apostolischen Gemeinde auf gleichem Boden. Sie haben, wie sie betonen, "die Liturgie beibehalten, die vollen Gottesdienste, in denen die ehrwuerdigen Psalmen und evangelischen Kirchenlieder gesungen werden, sie haben die saemtlichen Amtskleider und Zeremonien wie von Anfang her, haben nichts gekuerzt, nichts weggeworfen, nichts hinzugefuegt und nichts umgestaltet." Die Entrichtung des Zehnten ist auch bei ihnen ueblich, nur dass sie "keinen gesetzlichen Zwang ausueben, sondern dies dem Glauben jedes einzelnen ueberlassen," und dem Konfirmanden-Unterricht, welcher ein Zeitraum von 7 Monaten umfasst, liegt der lutherische Katechismus zugrunde.
So sind sie himmelweit verschieden von den Krebsianern, welche 1878 von ihnen abgefallen sind und von denen wir als den eigentlichen Neu-Irvingianern, der sogenannten "apostolischen Gemeinde" der Krebsianer, spaeter hoeren werden. Diese nennen sie eine verwerfliche Sekte, weil diese Leute "ganz der christlichen Liebe ermangeln, nicht richtig zu allen Gnadenmitteln (Wort und Sakrament) der Kirche stehen und gleich damit anfangen, die heilige Taufe zu entstellen;" dagegen haben sie zur katholisch-apostolischen Gemeinde, obgleich von ihr zurueckgewiesen, eine freundliche Stellung. Waehrend sie den entschiedensten Widerspruch gegen die Irrlehren der Krebsianer kundgeben, sprechen sie gern von ihren "lieben englischen Bruedern," der alten Ordnung, der sie ihren Wirkungskreis gelassen und der sie nicht angefeindet haetten.
Auch ihre Stellung zur Gesamtkirche, um deretwillen die Scheidung von Krebs und Genossen erfolgte, ist im Gegensatz zu den Krebsianern, welche "vorzogen, gegen die ganze Kirche mit Dreschflegeln vorzugehen." eine freundliche. Heidenmission treiben sie nicht, da ihre Sendung nur an die Christen ginge, aber sie "halten dafuer, dass, wie zu allen Zeiten, so auch jetzt noch die Heidenmission Christi Auftrag an seine Kirche ist, achten deshalb und ehren, was in treuer Arbeit auf richtigen Wegen in dieser Hinsicht von der Kirche getan wird, ja beten auch in ihren Gottesdiensten oeffentlich fuer die Heidenmission." Als ihr Arbeitsfeld sehen sie die Christenheit an, als ihre Aufgabe, "nicht sektiererisch zu zerstreuen, sondern helfend zu bauen." "So wenig wir uns," schreibt ein Vertreter der "Apostolischen Mission," "von der gesamten Kirche trennen koennen, mit der wir durch den einen Glauben, die eine Taufe und die einerlei Hoffnung unseres Berufs verbunden sind, so wenig koennen wir uns in Ruecksicht auf diese Gnadenmittel von der alten Ordnung getrennt erachten. Gottes Werk bleibt Gottes Werk, und wo etwas wahrhaft im Namen unseres Herrn geschieht, da koennen und wollen wir es nicht wehren oder uebel nachreden, wie unser Herr seine Juenger Markus 9, 38-42 belehrt, auch wenn man uns nicht nachfolgt. Ob nun ein solches Werk in der roemischen oder lutherischen Kirche geschieht oder bei der alten Ordnung, bleibt sich gleich, denn ohne Auftrag vom Herrn kann niemand ein Werk tun, das da bleibet, Apostg. 5, 34-39, und in diesem Sinne ist die ganze Kirche "apostolisch". Da wir aber so stehen und alle treue Arbeit im Weinberge des Herrn vollberechtigt anerkennen, muessen wir auch um des Gewissens willen davon Abstand nehmen, uns statistisch durch Zahlangaben eingliedern zu lassen, da dies, entgegen dem uns gewiesenen Weg der Arbeit, uns als eine Sekte aus dem Ganzen herausheben wuerde. 2. Sam. 24. Richter 7, 1-7."
Wir muessen gestehen: Wenn diese Prinzipien festgehalten und tatsaechlich auch von den untergeordneten Organen in der Praxis durchgefuehrt werden, wenn man eine besondere Gemeindebildung fuer einen "Uebelstand" haelt und "keinem Diener Gottes," wie es auf Seiten der "Apostolischen Mission" ausgesprochen ist, "in sein Ackerfeld kommen will," dann koennen wir wie der "katholisch-apostolischen Gemeinde" so auch der "allgemeinen christlichen apostolischen Mission" bruederlich begoennen und bei sonstiger nicht voelliger Uebereinstimmung mit einer Paulus-Freude wuenschen, "dass nur Christus verkuendigt werde allerleiweise." Phil. 1, 18.
Wie viele Apostel die "allgemeine christliche apostolische Mission" zur Zeit hat, kann ich nicht angeben. Eine "Vollzahl der Apostel," als welche die Zahl 12 gilt, ist bis jetzt nicht zu verzeichnen. Allem Anschein nach hat die Gemeinde mit vielen Schwierigkeiten zu kaempfen, und ihre Glanzperiode scheint vorueber zu sein.
Grundverschieden von den beiden bisher behandelten Abteilungen der Irvingianer, der "katholisch-apostolischen Gemeinde" und der "allgemeinen christlichen apostolischen Mission," stehen die Neu-Irvingianer da, die sogenannte apostolische Gemeinde, deren Glieder nach ihrem langjaehrigen Leiter oder "apostel-Vater" Krebs auch Krebsianer genannt worden sind. Fr. Krebs, ein frueherer Bahnmeister, sowie seine Genossen Wachmann und Sebastian, spaeter "Apostel" der "apostolischen Gemeinde," gehoerten urspruenglich den sog. Geyerianern, der allgemeinen christlichen apostolischen Mission an. Krebs war einfacher Priester in einer Gemeinde am Harz ohne leitende Stellung, Wachmann einfaches Gemeindeglied in Hamburg, Sebastian Diakon-Evangelist in Wolfenbuettel ohne leitende Stellung. Im Jahre 1878 erfolgte ihre Trennung bezw. Ausscheidung von der "Allgemeinen christlichen apostolischen Mission," den sogenannten Geyerianern. Der Anlass dazu war - ich zitiere woertlich nach der Mitteilung eines klar blickenden Augenzeugen - "ein revolutionaerer Angriff dieser und verschiedener anderer Leute gegen das Fundament apostolischer Lehre. Man machte Geyer zum Vorwurf, dass er die "apostolische Missionsgemeinde" in die Landeskirche zurueckpredige, und man uebersah dabei, dass die apostolische Mission sich noch nie von der Gesamtkirche getrennt hat. Man erklaerte die ganze Kirche liebloserweise fuer Babel, und haette Krebs seinerzeit die Macht gehabt, er wuerde alle "Schwarzroecke" auf dem Scheiterhaufen verbrannt haben, wie er sich auszudruecken beliebte. Zur Hauptsache hat Krebs dies Feuer geschuert und in Hamburg einen Teil der Gemeinde mit angesteckt. So lag auf der Hamburger Gemeinde eine Zeit lang eine Gewitterschwuele, bis es inmitten eines Gottesdienstes am 4. August 1878 zu einer offenen Revolte kam." Geyers Anhaenger nahmen ihre Gewaender, liessen die ganze Kirchen- und Altar-Einrichtung zurueck und gingen von dem "entheiligten Ort," ohne auch nur ein Wort zu sagen, fort, um ihn nie wieder zu betreten, waehrend ihnen nach der Mitteilung des oben erwaehnten Zeugen "jene Wueteriche Schimpfworte nachriefen."
Geyers und seines Apostels Gueldner Anhaenger waren nach jenem Aufruhr vom 4. August sehr bald wieder kirchlich installiert, so dass ihre Gottesdienste nicht eine Woche lang eine Unterbrechung erlitten, waehrend jene Abgefallenen als eine "apostolische Gemeinde," wie sie sich sofort nannten, ohne Apostel und Propheten dastanden. Da wandten sie sich nach Holland und wurden von dort mit offenen Armen empfangen. Dorthin war ja am 29. September 1863 der "Apostel" Schwarz gereist, um alsbald, von der "Apostolischen Mission" in Hamburg getrennt, seine eigenen Wege zu gehen. (1) Vgl. S. 12.) Durch die reformierten Verhaeltnissen Hollands veranlasst nahm er eine Neugestaltung des Gottesdienstes und auch neue Lehrbildungen vor. Das reiche, katholisch geartete Zeremoniell der "apostolischen Mission," voellig uebereinstimmend mit dem der alten "katholisch-apostolischen Gemeinde," passte nicht zu dem an eine gewisse Kahlheit des Kultus gewoehnten Sinn der aus der reformierten Kirche gewonnenen Glaeubigen, und so liess Schwarz den "apostolischen" Kultus fallen, schaffte die bisherige Liturgie, die Zeremonien und Kleider ab und richtete den Gottesdienst nach reformierter Weise ein. Dies brachte ihn natuerlich in eine Sonderstellung zur Hamburger Gemeinde, und nachdem er vergeblich versucht, diese fuer seine Neugestaltung zu gewinnen, trennte er sich von ihr. Jetzt war auch die Bahn frei fuer eine neue Lehrbildung. Holland wurde die Brutstaette fuer die falsche neue Inkarnationslehre (Christus Fleisch geworden in den Aposteln), die Versiegelung der Toten und andere Torheiten. Die "Waechterstimmen aus Ephraim" (Nr. 5 S. 6) wissen von schweren Pruefungen zu berichten, die Schwarz in den ersten Zeiten in Amsterdam durchzumachen hatte, aber seitdem im Mai 1864 die erste Versiegelung stattgefunden, sei die Gemeinde gewachsen und das Werk habe sich in Holland wie ein Baum ausgebreitet, dessen Zweige ueber die Grenzen Hollands hinausgingen. Am 6. Dezember 1895 starb Schwarz im hohen Alter von beinahe 81 Jahren, von den Seinen gefeiert als "ein Grosser in Israel." Schwerlich aber wuerde Schwarzens Richtung an Bedeutung gewonnen haben, wenn sie nicht aus Deutschland Zuwachs bekommen, wenn sich nicht Krebs mit Genossen ihr angeschlossen haette. Zunaechst hielten Krebs und Genossen ein Konzilium in Braunschweig. Man fragte Gott, "ob Gueldner ein Apostel" sei, und als auf dreimaliges Fragen keine Antwort kam, schrie man foermlich Gott an, "warum er denn keine Antwort" gaebe. Das ging eine Weile so fort, bis die ganze Versammlung in eine solche Ekstase geriet, dass Berufungen ueber Berufungen erfolgten, der eine dies schrie, der andere das. Der eine rief diesen aus, der andere schrie: "Nein, der soll es sein." Das nennen jene Leute "durch den Geist Gottes weissagen"! Das Ende vom Liede war, dass Menkhoff zunaechst die Leitung uebernahm und danach Krebs designiert wurde. Dies die Darstellung des unerbaulichen Anfanges der "apostolischen Gemeinde" genau nach der Mitteilung meines Gewaehrsmannes, welcher das Protokoll ueber jenes "Konzilium" in Brausnchweig in den Haenden gehabt hat bezw. noch hat.
Die Fuehrer der "apostolischen Gemeinde," der Neu-Irvingianer, schweigen sich ueber diesen haesslichen Anfang ihrer Gemeinde wohlweislich aus und berichten nur (Waechterstimmen Nr. 5): "Das Apostolat wurde von Holland uebertragen nach Deutschland durch den Apostel Menkhoff (Westfalen). Durch denselben weiter in Deutschland kam das Apostolat auf den Apostel Krebs."
In Deutschland haben sich die Neu-Irvingianer in den letzten Jahren ausserordentlich ausgebreitet, sie meinen, besonders seitdem der letzte Apostel der aelteren Abteilung, Woodhouse, gestorben ist, "seitdem die Gefaesse des Segens dort zur Ruhe gelegt sind." Waehrend im Jahre 1890 im Koenigreich Preussen - ohne Unterscheidung von Katholisch-Apostolischen und Apostolischen - 16081 Irvingianer gezaehlt wurden, waren es im Jahre 1895 22610, wovon auf Berlin 3073, die Provinz Brandenburg 3538 fielen. (1) Kolde und "Statistisches Handbuch fuer den Preussischen Staat." Bd. III. Berlin 1898, S. 419.) Die Volkszaehlung am 1. Dezember 1900, bei der wiederum ein Unterschied zwischen den beiden Abteilungen nicht gemacht, wohl aber auf Beschwerde hin in die Volkszaehlkarten nicht "Irvingianer", sondern "Apostolische Gemeinde" und in Klammern "(Irvingianer)" gedruckt wurde, ergab nach der statistischen Korrespondenz vom 23. November 1901, Nr. 44, im Koenigreich Preussen 14753 maennliche, 17462 weibliche, zusammen 32215 Apostolische, in dem Zeitraum von fuenf Jahren aufs Tausend eine Zunahme von 424,8. Bei der letzten Volkszaehlung vom 1. Dezember 1905 wurden nach der "Statistischen Korrespondenz," Sondernummer vom 26. September 1906, 20960 maennliche und 24694 weibliche, zusammen 45654 "Apostolische (Irvingianer)" im Koenigreich Preussen gezaehlt, im Zeitraum von fuenf Jahren aufs Tausend eine Zunahme von 417,17.
Auch im Koenigreich Sachsen hat sich die Bewegung ausgebreitet, besonders in der Zwickauer Gegend, welche ja von jeher der Naehrboden sektiererischer Umtriebe gewesen ist. Man darf annehmen, dass der durch die Statistik nachgewiesene Zuwachs fast allein den Neu-Irvingianern zu gut gekommen ist. Im Februar 1896 zaehlten die "Waechterstimmen" in Deutschland nur 70-80 apostolische Gemeinden, jetzt duerften es weit ueber 200 sein. Berlin allein hat 9 Gemeinden, zu denen nach der letzten Volkszaehlung vom 1. Dezember 1905 5707 Personen gehoeren; dazu kommen in naechster Umgebung Gemeinden in Tegel, Charlottenburg, Friedenau, Nixdorf, Pankow, Erkner, Reinickendorf. In der Provinz Brandenburg - ohne Berlin - befanden sich nach Mitteilung des Koenigl. Preussischen Statistischen Landesamts unter der ortsanwesenden Bevoelkerung am 1. Dezember 1905 an "Apostolischen (Irvinginanern)" 9185. Sie selbst berichten schon im August 1904 (Herold Nr. 109), es seien "heut mehr wie 20000 apostolische Glieder in Berlin und Umgegend." Es muessen also wohl viele bei der Volkszaehlung ihre Konfession gar nicht angeben; manche schreiben faelschlich: "evangelisch".
Die Leiter und Anhaenger rekrutieren sich fast alle aus den sogenannten niederen Volksschichten.
An der Spitze der Neu-Irvingianer stand fast 25 Jahre lang der alle "Apostolischen" beherrschende "Apostel des Stammes Ephraim" "Vater" Fr. Krebs in Braunschweig, der nunmehr - am 21. Januar 1905 - gestorben ist. Als das "Groesste" ruehmen ihm die Seinen nach, "dass er die Einheit des Werkes Gottes hervorgebracht hat, die Einheit unter den Aposteln." (1) Waechterstimmen Nr. 115.) Sein Nachfolger als "Apostel-Vater" ist der Landwirt H. Niehaus aus Steinhagen geworden, der "schon lange vorher von Krebs dazu bestimmt war, nach seinem Ableben das Werk weiter zu fuehren." Er hat denn auch Krebs die "Trauerrede" gehalten, bei der er die trostlosen Worte sprach: "Der Schmerz ist ein grosser, besonders auch fuer mich; wie ich schon in diesen Tagen habe laut werden lassen: Ihr koennt noch froh sein, ihr seid geschuetzt (naemlich von ihm, dem neuen "Vater" Niehaus), aber ich habe keinen Schutz und keine Decke mehr, mein Herr und Schutz ist von mir genommen." David wusste schon einen besseren Trost, als er von seinem Gott ruehmte: "Er deckt mich in seiner Huette zur boesen Zeit." (Psalm 27, 5). Die ganze erschreckende Abgoetterei, die man mit Krebs getrieben, ist aber noch einmal hervorgetreten in einem von den Neu-Irvingianern herausgegebenen Nachruf auf Krebs ("Sein letztes Wort"), aus dem Gustav Ischebeck (2) In seiner Broschuere: "Wer sind die Irvingianer? Ein Wort der Belehrung und Warnung." Witten a.d. Ruhr, Buchhandlung der Stadtmission. S. 12 f.) folgende Stellen anzufuehren in der Lage ist (Worte von Niehaus) S. 8:
"H e u t e steht es klar vor meinen und aller Augen - sein Wort ist erfuellt! E r h a t d i e S c h u l d m i t s e i n e m L e i b e b e z a h l t - ! - !
W e i n e n d und flehend stand Vater Krebs vor seinem Gott fuer uns Menschen, und e i n h e i s s e r B l u t s t r o m C h r i s t i q u o l l a u s s e i n e m M u n d e !
Seite 10: D e r h e r r l i c h e G o t t e s d i e n s t am Sonntag, wo der liebe Vater wie verklaert im Geisteswirken voll d e r F u e l l e, d e r G o t t h e i t u n d d e s L i c h t e s vor uns stand, bleibt mir ein Denkmal des Gedaechtnisses bis zum Tode, wie auch allen Teilnehmern! Das war kein Mensch mehr, der da sprach, d a s k o n n t e n u r C h r i s t u s s e i n , wie Vater Krebs das auch beim Abendmahl vorbrachte: D a s i s t m e i n F l e i s c h , denn ich habe die Welt ueberwunden, obwohl ich noch lebe.
Seite 11: D e m l i e b e n V a t e r N i e h a u s wurde es schwer, zu sprechen (bei der Gedaechtnisfeier), wie er sagte, aber ich habe meinen Schmerz in mich gefressen, denn wenn ich euch wollte meine Traenen zeigen, so wuerdet ihr geschlagen. Die Hoelle feiert ein Freudenfest, denn ihr maechtigster Feind, ihr Tod- und Erbfeind (naemlich Krebs) ist zu Boden gestreckt; aber ihr werdet weinen. Aber eure Traenen sollen in Freude verwandelt werden, und die Hoelle soll zittern und beben, denn der Auferstandene lebet und hat mich zugerichtet wie ein geschmuecktes Ross zum Streit. Wo nun die Hoelle sagt, nun ist unser Erbfeind zu Boden gestreckt, nun wird der Niehaus noch ein paar Wochen klappern, und dann geht es langsam zurueck, und das Haus faellt zusammen, und die Huetten zerbrechen, so sage ich (Niehaus) heute, ich vermag alles durch den, der mich maechtig gemacht hat, durch d e n E n t s c h l a f e n e n; Tod, ich will dir ein Gift sein; Hoelle, ich will dir eine Pestilenz sein, deine Sklaven sollen zittern und beben, und es soll kein Stein auf den andern bleiben. Seite 12: D i e d e m Apostel Krebs bisher treu gewiesen und ihm nicht widerstanden, von denen soll auch kein einziger verloren gehen. Seite 14: D a s s a n d e m alten, ehrwuerdigen und schlichten Greis im Silberhaar viele, viele Tausende von Menschen in reiner und aufrichtiger Liebe und Ehrfurcht hingen, wie wohl selten einem Sterblichen es zuteil wird, sah man hier deutlich. Man kann davon sagen, er ist wie ein Armer gestorben, aber wie ein Reicher begraben. E r h a t s e i n L e b e n z u m S c h u l d o p f e r g e g e b e n u n d i s t a u s d e r A n g s t u n d d e m G e r i c h t g e n o m m e n, d a e r u m d i e M i s s e t a t &nbdp;d e r M e n s c h e n g e p l a g t w a r. E r h a t S a m e n i n d i e L a e n g e, und des Herrn Vornehmen und Werk, durch seine Hand angefangen, wird zum Schrecken der Hoelle fortgehen und weitergelingen, darum, dass seine Seele gearbeitet hat. Seite 15: Niehaus sprach: "I c h z i t t e r e bei dem Gedanken der Verantwortung, die ich uebernehme, wo ich weiss, wie unendlich viel M u e h e u n d S c h w e i s s u n d B l u t s t r o p f e n es dem lieben Vater Krebs gekostet hat, das grosse Werk so weit hervorzubringen, und ich weiss, was da kommen wird, wie es nach dem Tode des Apostels Menkhoff sowie des Apostels Schwarz war, wo s i c h R o t t e n g e m e i n s c h a f t e n bildeten, welche suchten, die Schafe an sich zu ziehen. Ich will heute nicht weiter darueber sprechen, die Zeit wird es bringen, aber soviel sage ich heute, dass sie an meiner Dickfaust und eisernen Stirne zerschellen werden."
Gegenueber diesen laesterlichen, prahlerischen Reden des "dickfaeustigen" Niehaus mit der "eisernen Stirn" brauchen wir nur hinzuweisen auf das Wort unseres Herrn Jesu Christi: "Ich suche nicht meine Ehre" (Joh. 8, 50) und auf das Wort des Evangelisten ueber ihn (Matth. 12, 19): "Er wird nicht zanken noch schreien, und man wird sein Geschrei nicht hoeren auf den Gassen", d.h. er wird nicht mit seinen Taten prahlen.
Krebs war seit Oktober 1895 Herausgeber des Hauptorgans: "Waechterstimmen aus Ephraim," einer Monatsschrift, welche im Verlage von Heinrich Bornemann in Iserlohn erscheint und als Beilage den "Herold" enthaelt. In diesem wird von den vielen Reisen der Apostel und von den "Versiegelungen" der Lebenden und Toten (!) berichtet. Jetzt ist der Herausgeber der Waechterstimmen der neue Apostel-Vater H. Niehaus-Steinhagen. In der "Apostel-Einheit" mit ihm stehen zur Zeit 17 Apostel. Frueher galten 12 davon als Stammapostel der "12 Staemme des geistigen Israel" und die anderen als Apostelhelfer, neuerdings sieht man den "alten Modus der 12 Geschlechter" als Buchstabensache an und spricht unter Berufung auf 1. Petri 2, 9 nur von e i n e m Geschlecht. An Stelle der geistlichen Staemme Juda, Ephraim usw. setzt man nun einfach Apostelbezirk Holland, Bielefeld usw. In Holland steht der Apostel Kofmann, welcher u.a. in Enkhuizen, Haarlem, Haag, Scheveningen, Delft, Leiden, Amsterdam, Arnheim, Nymwegen sein Wesen hat, im Apostelbezirk Bielefeld (Westfalen und Rheinland umfassend) Niehaus mit Bornemann, letzterer seit Mai 1902, im Apostelbezirk Wolfenbuettel Sebastian, dem nach Wachmanns im Maerz 1903 erfolgten Tode auch der Apostelbezirk Hamburg uebergeben zu sein scheint, im Apostelbezirk Frankfurt a. M. (Hessen) der Apostel Ruff, der mit seinen Gemeindegliedern durch Niehaus versoehnt werden musste und dessen Bezirksgliedern in Franfurt a. M. von dem Apostel Niemeyer zugerufen wird: "Warum habt ihr einen solchen kranken, schwachen und elenden Apostel? Frage sich ein jeder, wieviel er mit seinen Suenden dazu beigetragen hat." (1) Waechterstimmen Nr. 130. Ruff ist inzwischen gestorben.) Nach Berlin ist von Ostpreussen Hallmann versetzt, an dessen Stelle Oehlmann getreten ist. Hallmann soll in Berlin und Umgegend Niehausens "rechte Hand" sein; "demselben", heisst es in den Waechterstimmen von April 1905, "ist keine Gemeinde als Wohnsitz zugewiesen, sondern er soll ueberall und nirgends sein." So findet man ihn denn ausser in Berlin und naechster Umgebung in Potsdam, Spandau, Brandenburg, Wittenberg, Pritzwalk, Havelberg, Kremmen, Angermuende, Neu-Ruppin, Rheinsberg, Frankfurt a. O., Kuestrin, Neudamm, Koenigsberg i. d. Neumark, Kottbus, Storkow usw.
Im Apostelbezirk Breslau steht Obst, als Apostel fuer Sueddeutschland und die Schweiz ist Bock im Oktober 1905 ausgesondert, am selben Tage Brueckner als Apostel fuer Sachsen. Von ihm erzaehlt Niehaus bei einer Versammlung in Halle, dass er viel an ihn (Niehaus) schreibe, aber "solche Schreier bringen es erfahrungsgemaess immer noch am weitesten. Ich habe frueher manchen Tag 2-3 mal an Vater Krebs geschrieben." (2) Waechterstimmen Nr. 126.)
In Nord-Amerika steht als Apostel Ed. Mierau in New-York, welcher u.a. Buffalo, Milwaukee, Detroit, Chikago, Cleveland, Madison besucht. Er schreibt (3) "Herold" Juli 1905.) als "dankbarer Sohn" dem "herzlich geliebten Vater und Apostel H. Niehaus:" "Unter deinen aufgehobenen Segenshaenden war es moeglich, Ostern feiern zu koennen. Waere Gott in dem Einheitsamte nicht mein Trost und Schutz und Schirm, so koennte ich vor dem Draeuen Satans nicht stehn." In Sued-Amerika (Argentinien) wirkt der Apostel Faber, laesst aber nicht viel von sich hoeren. Ebenso ist es mit dem Apostel Klibbe in Sued-Afrika, der seinen Wohnsitz in Imwani hat und u.a. Kapstadt, Port Elisabeth, East London, Bloemfontein aufsucht. Nach Australien wurde im Jahre 1882 Niemeyer als Evangelist gesandt, seit 1886 ist er "Apostel" und hat seinen Wohnsitz in Hatton Wale (Queensland). Er schreibt an seinen "Vater" Niehaus: "Queensland ist mit dir ein Herz und eine Seele." Er habe in dem verstorbenen Vater nicht einen von seiner Kindheit an gekannten Fritz Krebs gesucht, sondern "den allmaechtigen Vater in seinem Amte." Der Vater habe ein so grosses Wunder getan und alle Apostel zu gleicher Zeit in einerlei Gesinnung gebracht, "was eine Schlappen fuer den Teufel, besonders fuer den Apostolischen ist, der mit seiner Vernunft nun wie das Butterbrot mit der guten Seite im Dreck liegt." (Waechterstimmen Nr. 120, Juli 1905.) Niemeyer liebt es, gleichwie sein "Vater" Niehaus, mit drastischen Ausdruecken wie "Dreck" und aehnlichen Woertern um sich zu werfen, wird darin freilich manchmal vom Niehaus uebertroffen, der z.B. im Gottesdienst zu Bockenheim im Anblick des sehr schoen geschmueckten Lokals sagt: "Je feiner die Dame, desto mehr Laeuse." (Waechterstimmen 124, 7.)
In Java hat nach Waechterstimmen Nr. 120 S. 4 "vor zirka 24 Jahren der Apostel Anthing den Grund gelegt." In der Neuzeit werden die Apostel Hanibal und Jakobs genannt, dazu der eingeborene Apostel Sadrach. Letzterer wird im Januarheft 1900 des "Herold" als ein inlaendischer Lehrer bezeichnet, der lange Jahre im Mittelpunkte des Missionswesens auf Java taetig war und mit sich 15000 Seelen zur apostolischen Kirche heruebergezogen habe. Die Zahl scheint etwas hoch gegriffen, denn das Januarheft 1902 weiss nur zu berichten, dass das Apostolat Indien, Mittel-Java, in 63 Gemeinden 5954 "apostolische Christen" habe. Immerhin ist der Erfolg, der von der Allgemeinen Missions-Zeitschrift 1902, Heft 2, S. 81 bestaetigt wird, als gross zu bezeichnen.
Alle Einheitsbestrebungen von Krebs und Niehaus haben es doch nicht verhindern koennen, dass neuerdings nun wieder eine Absonderung, eine neue Abteilung der "apostolischen Gemeinde" entstanden ist: "das Zepter Juda, das neue Apostelamt oder neue Apostelreich," an dessen Spitze als "Vater Juda" der Ziegelei-Verwalter Julius Fischer in Gransee steht. Derselbe war Stromschiffer, dann Landwirt in Zehdenik und wurde im Jahre 1896 von Krebs "versiegelt." Schnell erstieg er in der "apostolischen Gemeinde" die verschiedenen Aemterstufen, wurde Unterdiakon, Diakon, Priester, schliesslich Bezirks-Aeltester und bekam als solcher von Krebs 8 Gemeinden anvertraut. Krebs lobte seine "Treue und Ergebenheit zu Gott in dem Apostelamte," aber dies "aergerte die, welche neben ihm im Amte standen", und seit der Zeit, in welcher er im Bezirks-aeltesten-Amte diente, "war es mit dem Frieden und der Ruhe vorbei."
Man klagte Fischer bei Krebs an und nahm als "Lehrgrund zum Streiten das Wiederkommen Jesu." Waehrend nach dem gedruckten "apostolischen Glaubensbekenntnisses" der "Apostolischen Gemeinde" die persoenliche Wiederkunft des Herrn in den Wolken des Himmels festgehalten wird, hatte Fischer "Jesum im Fleische erkannt, und zwar als Haupt in den Aposteln, die Wolke als die Zeugenschar (apostolische Gemeinde)." So, behauptet Fischer, haette auch Krebs geglaubt, aber "statt nun die Wahrheit allen zu sagen: Ja, meine Lieben, es ist so, es ist uns ein neues Licht darueber aufgegangen, fuerchtete er sich vor allen seinen Aposteln und allen Aemtern, die ihm in Braunschweig hart zu Leibe gingen."
Man sieht: auch der "Vater", der Papst der "apostolischen Gemeinde" hat sein Kardinals-Kollegium, das er nicht ganz ausser acht lassen darf. Noch einmal, so erzaehlt Fischer weiter, sei Krebs in seinen Bezirk gekommen und habe bei einem Gottesdienst segnend das Wort ueber ihn gesprochen: 1. Mose 49, 8-12. "Juda, du bist's" usw., aber bald nach dieser Zeit habe er vom Apostel Krebs ein Schreiben des Inhalts bekommen: "Ich nehme das Amt von Ihnen."
Nunmehr "rafften sich viel Gemeinden zusammen, und in Zehdenik wurde eine grosse Versammlung anberaumt, wo alle erschienen, die der Wahrheit die Ehre zollen wollten." Auch Julius Fischer war dazu eingeladen. Auf Gebet "antwortete Gott durch weissagen" und berief Julius Fischer zum Apostel. Er "schwur mit seiner Rechten dem, den er vor sich sah," seine "Augen schauten," wie er mitteilt, "den Gott, den Petrus, Jakobus und Johannes vergoennt gewesen war zu schauen." Fischer fuehlt sich "berufen, zusammen zu fuehren wer sich voneinander getrennt hat" und meint, das sei bis jetzt noch nicht von Menschen angestrebt worden. Sein Versuch, mit dem beruechtigten Dowie in Amerika, der "christlich-katholischen Kirche in Zion" ein Einvernehmen zu erzielen, ist gescheitert, denn der neue Elias "der liebe, gute Mann," wie Herr Fischer schreibt, "ist irdisch zu sehr gesegnet, um mich als einen Apostel auch anerkennen zu koennen."
Fischer nennt sich "Apostel Juda" oder "Vater Juda." Durch ihn werden weitere Apostel als "Stamm-Apostel" zugerichtet und gesalbt, und zwar bekommen sie nicht die Namen der Staemme Israels, sondern die der Apostel: Simon Johanna, Andreas, Jakobus, Johannes, Matthias, Philippus, Bartholomaeus, Simon von Kana, "alle unter Ordnung, Leitung und Fuehrung des Apostels Juda, denn alle diese Staemme zusammen nennt sich das Judaea glaeubig gewordene Glaubensgeschlecht." Gransee, Zehdenik und Umgebung, Burgwall und Umgebung, Liebenwalde und Umgebung ist unter das Stamm-Apostelamt Judas geordnet; Driesen, Neuteich, Paulsbruch, Karoline, Netzbruch usw. unter das Apostelamt Andreae; Breslau und weiter Schlesien unter Jakobus; Sachsen unter Johannes, die Altmark unter Matthaeus, Charlottenburg und Berlin unter Philippus; Ost- und West-Havelland unter Bartolomaeus. Der juengste "Apostel" Simon von Kana geht jetzt im Herbst nach Hamburg.
Das alles verbindende Organ ist die von Julius Fischer in Gransee herausgegebene, bei J. Weidlich in Zehdenik gedruckte, seit September 1904 erscheinende Monatsschrift "Wahrheitskunde vom Zepter Juda; das neue Apostelamt!" Als Glaubensbekenntnis wird das nachfolgende, ebenfalls bei J. Weidlich gedruckte Schriftstueck verbreitet, das ich, um Geist und Bildung der neuen Abteilung zu kennzeichnen, buchstaeblich hersetze.
Wir glauben an Gott den Vater Himmels und der Erde, der als goettliche geistige Kraft ueber alles schafft, den Menschen sich durch sein Nahesein im geistigen Wort als auch von Anfang seiner Erschaffung her, durch Menschen zu Menschen aber offenbaret. Und wir ihm fuer uns ewiges Licht und Gnadenwort der goettlichen Vaterschaft heissend, bekennen.
Wir glauben an Gott den Sohn, vom Vater als Wort im Fleische der Jungfrau Maria empfangen und geboren; gesandt das Wort vom Vater im Licht und Klarheit dem Volke auf Erden zu vermitteln und dadurch selig machen der daran glaubt. Der aber gesagt hat: "Dass er alle Tage sein will als das leuchtende Licht und unter der von ihm eigener Wahl das in Menschengestalt lebendige Wort unter der Tatkraft das einst verheissende Wort: Ihr sollt nicht lernen, nicht sorgen, was ihr reden sollt, sondern ich will es sein in Euch, als der Vater in mir. Und wir ihm als des Sohnes Wirken, und Sohnesschaft in sein Fortleben hoeren durch sein Wort, und dem Fleisch gewordenen Wort in seiner Sendung glauben und bekennen.
Wir glauben an die Gemeinschaft des heiligen Geistes, der in eine heilige christliche Kirche, der Gemeinschaft der Heiligen, sich in seine heiligen Gaben offenbart und laut wie Apostel Paulus 1. Kor. 12 dieselben aufzeichnet, und so mit diese vielerlei Gaben eine gemeinschaftliche Geistesgabe sind. Da dieselben von einem Geist der gemeinschaftlich durch solche Gaben wirkt, sichtbar ist und wir diese sehen, hoeren, glauben und bekennen.
1. Wir erkennen und bekennen die Wassertaufe als von Gott eingesetzt und verordnet, um den Bund mit Gott uns seinem Sohne Jesu Christo und unsMenschenkinder zu errichten.
2. Wie nun nicht Wasser allein den Bund bewirken kann, sondern (Gott das Wort) durch Menschen gesprochen, als segnendes Vaterwort, und im Gebot und Verbot, in und bei dem Wasser durch die Handlung des lebendigen Amtes bewirkt, dadurch ein heiliges Sakrament entsteht und den Menschen in den Bund mit Gott zur ewigen Seligkeit befoerdert, so der Mensch den Glauben hat an dieses handelnde und segnende Wort vom Vater durch Menschen gespendet.
3. Wir bekennen auf diese vorherigen Handlungsweisen alle Wassertaufen, gleichviel welche Religionsgemeinschaften die auf Christo gegruendet sind, als ein Bund auf Gott in seinem Sohne Jesu Christo ausdruecklich an, sofern sie nicht nur gewohnheitsgemaess gehandelt werden, dienet solche Taufe zum Bund Gottes mit den Menschen.
1. Wir erkennen und bekennen wie einst, die Wassertaufe nicht allein dem Menschen zu Gottes Geist und Gottes Wort in Klarheit fuehren kann, sondern der heilige Geist durch Berufung und seiner Spendung der geistigen Gaben beleuchtet und erleuchtet zur Klarheit des lebendigen Gottes den Menschen im rechten Glauben und in der Wahrheit bringen kann.
2. Wir bekennen hierzu noetig zu haben das von Gott durch seinen Sohn Jesus Christus selbst eingesetzte geistige Apostelmt, das da bleiben soll und zwar gesehen werden vor sein Kommen der vollen Kraft und Herrlichkeit, dazu er gesagt: "Auf wem ihr die Haende legt, soll von mich gesegnet sein, weil er selbst in solcher der Segnender sein will."
3. Wir glauben und bekennen solches Amt in der Niedrigkeit des Fleisches auch heute zu sehen, an die Kraft und Licht des geistigen Wortes, das bemueht ist, Menschen zu Gottes Glauben und zwar in Nuechternheit des Geistes, und Gesetz der Obrigkeit untertaenig zu machen und Frieden mit Gott und allen Menschen lehret, durch Liebe und Barmherzigkeit vor Gott Taten wirket.
4. Wir glauben und bekennen dass solches Amt weiter Aemter zum Dienen in der Gemeinschaft Macht hat einzusetzen und wir miteinander in die reine und lautere Lehre des grossen Apostel Jesu Christo, in und unter uns im Wort des liebenden allmaechtigen Vaters gefuehrt werden, welches uns die geistigen heiligen Gaben der rechten christlichen Kirche spendet und durch die Gemeinschaft solches wirkt.
1. Wir glauben, dass das heilige Abendmahl von uns gefeiert werden muss, wie es der Herr Jesus eingesetzt hat, naemlich mit ungesaeuertem Brot und Wein. Beides muss von einem Diener Jesu Christi (1. Kor. 10, 16) gesegnet und gespendet werden.
2. Wir glauben, dass solches Menschen wirket, zur Besserung dienet, so es im rechten bussfertigen Sinn und Geist seine sich bewussten Suenden vor Gott dem lebendigen bekennt, auf die Frage des betreffenden Dieners Jesu Christi nach solcher Busse mit ein lautes vernehmliches Ja antwortet.
Man wird erkennen, dass diese allerneuste "apostolische Gemeinde" sich nach Form und Inhalt der Gedanken von den Krebsianern nur wenig unterscheidet. Soviel ich sehe, besteht ein Unterschied nur darin, dass Fischers Anhaenger die Lehre von der bevorstehende Wiederkunft des Herrn Jesu in den Wolken des Himmels (Matth. 24, 30) ganz fallen lassen, nur in Fischer, nicht in Niehaus, ihr Apostel-Haupt verehren und in der Praxis fuers erste andern Kirchenkoerperschaften nicht so schroff entgegentreten wie die Krebsianer. Die weitere Entwicklung muss abgewartet werden.
Die in Holland existierende "Apostolische Bruederschaft" (Apostolische Broederschap), welche ihre "godsdienstsamenkomsten" in Amsterdam, Elandgracht 13, hat und ein Monatsblatt Maran-Atha herausgibt, mahnt: "De Heer komt, maak U bereid," hat aber mit dem Irvingianismus nichts zu tun.
Das Verhaeltnis der Neu-Irvingianer zu den alten ist nach wie vor ein gespanntes. Die alten nennen die neuen: Nachfolger exkommunizierter Maenner, die, in Hochmut bezaubert, ihnen etwas nachaefften; die neuen nennen die alten: Irvingianer, die auf Fleisch gesehen haben. Die alten werfen den Begruendern der neuen Abteilung "Betrug und Verrat" vor,(1) Koehler, S. 135.) die neuen (2) "Waechterstimmen" Nr. 59, S. 4-5.) sprechen von "Flunkerei, von der Schuld der alten englischen Apostel, welche Gott nicht gebeten haetten um die Erhaltung der zwoelffachen Einheit des Apostolats, und von dem offenbar werdenden Esausgeist, der den juengeren Bruder erwuergen will." Vornehmer, aber scharf genug drueckt sich der klassische Geschichtschreiber der katholisch-apostolischen Gemeinde Dr. Rossteuscher aus, der in seinem Werke: "Der Aufbau der Kirche Christi" die ganze neu-irvingianische Bewegung ignoriert und nur in der Einleitung sagt: "Ist der Herr unter uns getreten? Diese Entscheidung kann nur durch echte geistliche Unterscheidung richtig getroffen werden - durch den "scharfen Geruch in der Furcht des Herrn," der eine Gnade des Geistes Gottes ist (Jes. 11). Und dann diese Gnade diejenigen nicht geleitet hat, welche die von uns bezeugte Gottestat mit - jener d u e r f t i g e n P a r o d i e zusammengeworfen haben, die ein im Jahre 1863 in der Berliner Gemeinde vom Amte suspendierter Prophet durch Berufung immer neuer und zwar "deutscher" Apostel in Hamburg und anderen Orten geliefert hat, das geben halbwegs billige Beurteiler ja wohl zu."
Die juengere Abteilung der Neu-Irvingianer, welche auf ihre Erfolge, "die Aposteltaten", stolz ist und meint, dass sie von der aelteren als Fortsetzung des zwoelffachen Apostolats anzuerkennen sei, hat es "wiederholt versucht, der aelteren Abteilung die Hand des Friedens zu reichen," ist aber "schroff zurueckgewiesen." So richteten im Jahre 1884 die Apostel der juengeren Abteilung Menkhoff und Krebs ein Sendschreiben an den Apostel Woodhouse in England und suchten Friedensverhandlungen anzuknuepfen und Differenzen auszugleichen, um eine Vereinigung herbeizufuehren... aber man hielt es dort nicht der Muehe wert, darauf zu antworten.(1) "Waechterstimmen" Nr 5, S. 7.)
Auch von der "Allgemeinen christlichen apostolischen Mission" sind die Krebsianer abgewiesen und ihre Apostel als falsche bezeichnet. Als die "Apostolische Mission" sich vor einigen Jahren in Hamburg eine neue Kirche erbaut hatte, machte man aus der Schar derer, die sich um den nunmehr verstorbenen Krebs-Anhaenger "Apostel" Wachmann versammelt hatte, zusammen mit zwei Priestern aus Amsterdam einen Anlauf gegen die "Apostolische Mission". Man besuchte die Gottesdienste derselben und glaubte sie veranlassen zu koennen, mit diesen Leuten gemeinsame Sache zu machen; allein der Versuch scheiterte. Es ist damals von Hamburg aus mit Priestern der von Schwarz in Amsterdam gegruendete Gemeinde viel korrespondiert worden und ihnen deutlich zu verstehen gegeben, dass "Gott selbst eine Scheidung zwischen Licht und Finsternis gemacht" habe, dass man "mit ihnen nicht zusammen arbeiten koenne." "Ich erinnere Sie daran," heisst es in einem dieser Briefe, "was der Herr zu uns gesprochen, als die Brueder 1878 von uns abfielen. Diese Brueder haben alles abgeschafft, haben sich selbst entkleidet und die Aemter und Ordnungen, welche der Herr uns gegeben, verworfen, und mussten nun die Speise der Irrtuemer verzehren, die ihnen aus Holland gereicht wurde. Ja, die Speise der Irrtuemer als Taufe, Versiegelung und Abendmahl der Toten und Verwirrung der geistlichen Gaben. Und das Ende ist, dass ihren falschen Aposteln Krebs, Wachmann, Niehaus usw. goettliche Ehre erwiesen wird, wodurch Antichrist in der Kirche auf den Thron gesetzt wird." Und weiter heisst es: "Gott moege uns auch ferner bewahren, dass wir nichts hinzufuegen, noch etwas abnehmen, und dass wir auch ferner verabscheuen, was auch vor seinen Augen ein Greuel ist. Nie und nimmer werden wir fuer Tote taufen, versiegeln und das Abendmahl nehmen. Nie und nimmer werden wir kleine Kinder versiegeln oder ihnen das Abendmahl reichen."
Wir koennen den Streit der vier verschiedenen "apostolischen Gemeinden" - ob nur englische Apostel oder auch deutsche, ob Krebs-Niehaus oder Fischer - ihnen selbst ueberlassen, denn bei der Fuelle der Irrungen dieser neuen Apostel und bei ihrer Nichtuebereinstimmung mit der Heiligen Schrift, nach der wir neue Apostel nicht zu erwarten haben, w e i s e n w i r s i e a l s G e b i l d e d e r S c h w a e r m e r e i a l l e a b - aber das werden wir sagen muessen, dass die ganze Neubildung seit Geyer und Schwarz und ebenso die seit Krebs dem e i g e n e n Geist der "apostolischen Gemeinde" widerspricht. Wer die Autoritaet des Apostolats so betont, wie es die apostolische Gemeinde der Neu-Irvingianer tut, wer von den Aposteln zu sagen wagt: in ihnen ist "das geoffenbarte Wort, Jesus erschienen im Fleische," also dass, wer sie verwirft, den Herrn Jesum verwirft, wer den Gehorsam unter den Willen des Apostolats in dem Masse verlangt, wie es die "apostolische Gemeinde" tut, und in dem Widerstreben gegen das Apostolat Teufels List und Trug sieht, der durfte und darf nicht dem Spruch der alten englischen Apostel in der Weise widerstreben, wie es eben fortgesetzt die Neu-Irvingianer tun. Und wenn s i e dem alten Apostolat ungehorsam gewesen sind, wie duerfen sie erwarten, dass andere ihren neuen Aposteln irgendwie Glauben und Gehorsam schenken?
Man betont g o e t t l i c h e Sendung der neuen Apostel, aber die ganze Tat Geyers und seiner Mithelfer traegt allzu m e n s c h l i c h e n Charakter: die h e i m l i c h e Berufung in Koenigsberg, das Zoegern mit dem Offenbaren der Berufung, die Vorbereitung von Schwarz, das Offenbaren nach der Amtsentsetzung, dazu der Eigenwille, der sich auf jeden Fall selbst durchzusetzen versucht! Geyer musste wissen, wie seine englischen Apostel stets daran festgehalten, dass es nicht Sache der Propheten sei, die von ihnen gesprochenen Worte auszudeuten und ihre Tragweite und Anwendung zu bestimmen. Aufgabe des prohetischen Amtes war es, "Licht zu geben," aber daraus die noetigen Schluesse zum Handeln zu ziehen, stand dem apostolischen Amte zu. Wenn daher Geyer die von ihm gesprochenen Worte nach seinem Sinn deutete und beanspruchte, dass die Apostel seiner Deutung Folge geben sollten, so war er ueber die Grenzen seines Amtes hinausgegangen.
Und nun Krebs und Genossen. Sie, welche die von Geyer berufenen Apostel Preuss und Schwarz anerkannt hatten, sie, welche das Apostel- und Propheten-Amt so hoch erheben und aufs staerkste die Einheit betonen, zerreissen im Jahre 1878 auf einmal die Einheit, "wueten" gegen ihren alten Propheten Geyer und den von ihm berufenen Apostel Gueldner, lassen sich dann selbst zu Aposteln machen und stellen sich, nachdem sie ihren Zweck erreicht, keck hin und sagen: "Wir sind die wahren Apostel, und in unser Fleisch ist Christus gekommen."
Wenn also die "apostolische Gemeinde" der Neu-Irvingianer aufs allerschaerfste Gottes Ordnung und apostolische Tat in der Neuzeit betont, so sagen wir nicht aus Sektenhass, wie sie sich so leicht einbildet, sondern um der Wahrheit willen und mit Recht: s i e r i c h t e t s i c h m i t i h r e n e i g e n e n W o r t e n u n d T a t e n, s i e i s t v e r u r t e i l t d u r c h i h r e e i g e n e G e s c h i c h t e.
Lehre und Verfassung der Neu-Irvingianer hangen aufs engste zusammen. Die Leitung der Gemeinde liegt bei den Aposteln, und der Glaube an die Sendung der Apostel ist Hauptlehre und gehoert zur Seligkeit.
Nach den "Waechterstimmen aus Ephraim" hat "Jesus Christus als wahrhaftiger Gesandter und Apostel Apostel hier in die Welt gesandt und gesetzt, hat als das Fleisch gewordene Wort hier in der Welt durch Apostel wieder Apostel gesetzt und durch diese weiter die uebrigen helfenden Aemter nach Bedarf in die Gemeinden gestellt, wie es heute am Tage ist, die da den Leib der Gemeinde zu der Vollkommenheit in der Einheit bearbeiten sollen und dazu bis ans Ende doch bleiben muessen, um durch die Augen der Aposteln (!) im Fleische Jesum mit dem verklaerten Leibe gen Himmel gefahren gesehen haben, auch mit den Apostelaugen, als das lebende und wirkende Licht in der Gemeinde, wie er aufgefahren ist, auch wiederkommen sehen."
Aus den oft verworren klingenden, grammatisch und orthographisch vielfach unrichtigen, im abschreckendsten Stil verfassten Schriftstuecken der "Apostel" Krebs und Niehaus toent es immer wieder zum Ermueden heraus: "Jesus Christus im Fleische, in den Aposteln, der Sohn ist in dieser Zeit zu s e h e n in seinen gesandten Aposteln." Ohne weiteres werden die an die ersten Apostel des Herrn gerichteten Worte als an die Apostel der Neuzeit gerichtet angesehen. "Jesus sagt zu ihnen: So wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Was ihr auf Erden bindet, das soll im Himmel gebunden sein und was ihr auf Erden loeset, das soll im Himmel los sein. Wer euch hoeret, der hoeret mich, und wer euch verachtet, der verachtet mich; wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat, den Vater oder die Vaterschaft Gottes in seinen gesandten Aposteln. Als Jesus zuruecktrat (!), sagte er zu seinen Aposteln: "Ihr seid das Licht der Welt (die Sonne), und seit kurzer Zeit ist das Werk in der Sendung des fleischgewordenen Wortes aufgegangen als ein helles Licht, und das so vielen verschleierte Geheimnis "Gott geoffenbart im Fleisch" (1. Tim. 3, 16) wird den Erstlingen offenbar. Das wunderbare Geheimnis, was verborgen gewesen ist von der Welt her, die grossen Maenner haben es nicht erkannt in frueheren Zeiten, naemlich das Geheimnis C h r i s t u s i n u n s, der da ist die Hoffnung der Herrlichkeit. Kol. 1, 26-27." (1) Schon hier wird falsch zitiert. Kol. 1, 27 steht nicht "Christus in uns," sondern "Christus in euch," also von der Gemeinde gesagt.) Jetzt kann man "sehen den anderen Troester, den heiligen Geist, den Jesus vom Vater in die Welt zu seinen Aposteln gesandt hat."
Also der dreieinige Gott, besonders Jesus Christus ist nach der neuen Lehre zu s e h e n in den derzeitigen Aposteln, und besonders der Vergoetterung nahe ist der "Einheits-Apostel" Niehaus. So schreibt der "Apostel" Bornemann im Herold (Nr. 119, Juni 1905): "Das eine Panier ist Christus in dem Einheits-Apostel Niehaus, Niehaus ist unser Panier, unsre Fahne, der wir folgen. Wir glauben, dass sich der Koenig Jesus Christus in diesem Panier vergegenwaertigt, verlassen wir den Apostel, so verlassen wir Jesus und sind fahnenfluechtig und haben den Eid gebrochen." Noch vermeiden sie es, obgleich sie einmal von "wahren Christussen" (!) reden, die da sein muessten, geradezu zu sagen: "Wir Apostel s i n d Christus," denn die Gotteslaesterung waere zu offenbar und die Weissagung des Herrn von den falschen Christi (Matth. 24, 23-24) wuerde zu sehr in die Augen fallen; aber das "Christus in uns, den Aposteln," wird in einer Weise gesteigert, dass dieser Schritt nicht weit erscheint. So lassen es sich diese armseligen neuen Apostel gefallen, von ihren Gemeindegliedern aus dem "Apostolischen Gesangbuch" (1) Apostolisches Gesangbuch. Verlag: W. Sebastian, Wolfenbuettel.) derart angesungen zu werden: "Nun ruehmet den Segen, den mein Knecht euch spendet, Sein Tun erfrischt doch jedes Herz, Er ist uns zur Speise von Gott gesendet, Vor seinem Mund flieht jeder Schmerz. Wer misst die Liebe in meinem Apostel, In meinem Apostel? Wer waescht uns rein ohn' seine Hand? Er traegt, er traegt den Schluessel der Hoell' und des Todes, Im Fleische steht hier Gott vor uns. Im Fleische steht hier Gott vor uns." (Apost. Gesangbuch Nr. 281.) Ferner (Nr. 278): "Andere suchen in den Lueften Ihn, der immer bei uns ist, Nicht in Graebern, nicht in Grueften Ist der Heiland Jesus Christ. Hier im Fleische, im Apostel, Zeigt sich Gott dem Kindersinn. Offenbar sei sein Geheimnis, Gott im Fleisch ist der Gewinn. Chor: Darum preiset Gottes Lieb', Lobt den wahren Gott von heut', der sich offenbart im Fleische und uns bleibt in Ewigkeit." In dieser Weise geht es durch eine grosse Anzahl von Liedern. Es wird vollkommen geheissen, "der Friedefuerst im Fleisch, der Knechtsgestalt angenommen und heut' noch ist wie einst, der treue Gottesmann, in dem, wer aus dem Geist geboren, Gottes Lamm sieht." Immer wieder wird gepriesen "Jesus in der Sendung, das Apostelamt, der Herr im Fleisch, dem in Fleisch allein es gilt gehorsam sein."
Somit wird nichts Geringeres gelehrt, als eine neue Fleischwerdung des Herrn, eine Sendung des Geistes Jesu in das Fleisch der Apostel als der Traeger des Amtes. Und dieser Wuerde der Apostel entspricht ihre M a c h t. Ihnen hat Christus "nicht allein die Schluessel des Himmelreichs, sondern auch der Hoelle und des Todes, die Schluesselgewalt des Totenreiches, des Hades gegeben und diese Loese- und Bindgewalt, diese Macht einzufuehren und auszuschliessen, wird n u r offenbar in den Aposteln Christi, die heute gesandt sind in dieser Zeit. Mit ihnen redet Gott muendlich, ihr Wort ist Gottes Wort und die Stimme des Sohnes Gottes wird nur durch seine gesandten Apostel offenbar. Die alten einst gelebten (sic!) Apostel und Propheten koennen uns nichts mehr helfen, das waren die Werkzeuge Gottes ihrer Zeit," aber von gegenwaertiger Zeit gilt Hes. 34: "Ich will mich meiner Herde selbst annehmen." Die Apostel sind "mit der Macht und Autoritaet Christi bekleidet, sie haben das Amt, das den Geist gibt, und der heilige Geist wird nur da offenbar, wo die Apostel sind." Zu ihnen ist das Himmelreich, und der Segen und das Heil ist nur durch die Taten Gottes der Gegenwart zu erlangen von dem, "der da ist." Nur unter den Aposteln kann ein gesundes Gemeindeleben gedeihen, sie sollen an Christi Statt den einen Weinstock ausmachen, woran die Glieder als Reben sind und durch die Aposteltaten herauswachsen. Sie sind es, welche die etlichen (Hebr. 4) zur Ruhe bringen sollen mit ihren Taten des Gehorsams. So ist der Unglaube an die Taten Jesu von heute eine Todsuende, und Jesus hat heute dieselbe Berechtigung und Macht zu sagen durch den Mund seiner Apostel" "Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich."
Und diesem "apostolischen" Zeugnis schliesst sich wiederum das von den Aposteln gebilligte Zeugnis der Gemeinde in ihren Liedern an. Das Apostelamt wird gebeten: "Hilf ueberwinden und fuehre du uns himmelwaerts (Gesangbuch Nr. 337, 4), staerk uns im Glauben, du Glaubensfels, Christus im Fleische (364, 8)! Apostelamt, gesandter Geist, dir sei gebracht Ruhm, Dank und Preis, Lob, Ehre und Anbetung. Du hast mich aus des Irrtums Macht Aus Gnaden an dein Licht gebracht, Ich fand in dir Erloesung. Du hast ohn' Rast neues Leben mir gegeben in der Sendung, in dem Amte der Versoehnung" (221, 1).
Hat man nicht "Selbstverleugnung" genug, das zu glauben, und kennt man diejenigen, die mit dem Apostelamt bekleidet sind, von Jugend auf, auch die "Schwaechen ihres Fleisches," dann, heisst es, wuerde "die Sprache der Juden laut: Ist das nicht Josephs Sohn, dessen Vater und Mutter wir kennen? Ist das nicht des Zimmermanns Sohn, der nicht mal die hohe Schule besucht hat? Was kann aus Nazareth Gutes kommen, sagten die Juden. Ja, noch mehr: Wir wissen, dass dieser Mensch ein Suender ist (Joh. 9). Die sollen also bekleidet sein mit den Taten des Sohnes, der frei machenden Gnade? Darin soll man den frei machenden Sohn Gottes sehen und erkennen? Die sollen Macht haben zu loesen und zu binden?" Und diese Bedenken werden einfach niedergeschlagen mit den Worten: "Wer ueberwindet sich selbst? Das Werk Gottes ist ein Glaubenswerk, und Gott fordert Glauben, und ohne Glauben ist es unmoeglich Gott zu gefallen."(1) Die Zitate sind aus folgenden Nummern der "Waechterstimmen": 58, 61, 83, 79, 81, 78, 73, 76, 70, 80, 77, 72, 71.)
Sieht man in solchen Reden von der Fleischwerdung Christi in den Aposteln Gotteslaesterung, so heisst es: "Wir lesen Joh. 5, 18, dass die Juden zu Jesu sagen: Du laesterst Gott, dass er gesagt habe, Gott sei sein Vater." Stellt man aber die wahre Behauptung auf: Niemand anders koenne sagen, dass er das fleischgewordene Wort sei als der Sohn Gottes vor 1900 Jahren, so geht der Schreiber der "Waechterstimmen" (Nr. 53) leichtfertig genug in pantheistischer Weise darueber hinweg mit den Worten: "O, welch ein Irrtum! Ist nicht ein jeder Grashalm oder Baum oder jedes Tier oder jeder Mensch ein fleischgewordenes Wort? - Wir Menschen koennen wohl ein Samenkorn in die Erde legen, und weiter geht unser Vermoegen nicht. Steht nun nicht in jedem Grashalm das Wort: es werde! Und es ward, nahm einen Koerper an. Somit muessen wir doch sagen von dem kleinsten Grashalm, es steht das schaffende Wort in ihm verkoerpert da. Somit steht das schaffende Wort in jedem Tiere und Menschen."
Nun, wenn es mit dem Herrn Jesus weiter nichts ist, dann hat man seine ewige Gottheit nicht erkannt, und wenn es mit den heutigen Aposteln weiter nichts ist, dann koennen wir sie getrost zu den Grashalmen werfen. Freilich faehrt nun der "apostolische" Schreiber fort: "Nicht ist aller Same einerlei Same, so sind auch alle Koerper nicht gleich. Es sind irdische Koerper, es sind himmlische Koerper, die sich in den Klarheiten unterscheiden." Wir aber erkennen, dass es ein dreistes Spielen mit dem "ewigen Wort" ist, das diese neuen Apostel zu treiben wagen.
Auch ihre Stellung zu dem g e s c h i c h t l i c h e n C h r i s t u s ist verwerflich. So war nach den "Waechterstimmen (Nr. 13) der Herr Jesus "gesandt im suendlichen (!)(1) In Nr. 67 des "Herold" (1901) heisst es: "im suendlosen Fleisch." Man weiss es wohl nicht recht.) Fleische in die Welt, um die Welt in sich zu versoehnen." Aber nicht die Erloesungstat Jesu am Kreuz ist Hauptgegenstand dieser neuapostolischen Verkuendigung, denn das Sehen "auf den geschichtlichen Christus, der da gelebt hat," hilft nicht, wie man sich auch "nicht frei machen lassen kann durch einen unsichtbaren Christus." Die Predigt von den einst geschehenen Taten ist "alt und ueberlebt, viel hoeher steht uns die grosse Gottestat in der Gabe seines Sohnes Jesu mit den ueber uns gekommenen Taten,"(2) Siehe "Waechterstimmen" Nr. 53 und 2.) also die Sendung der neuen Apostel. "Die Gnade liegt nur im Fleische, gelegt in sein Gnaden- und Apostelamt."(3) "Waechterstimmen" Nr. 121.)
Weil diese neuen Apostel Jesum in sich zu haben meinen, kommen sie zu einer jedes tiefere christliche Gemuet tief verletzenden Gleichstellung: Jesus der Apostel - sie die Apostel, Jesus das Lamm Gottes - die Apostel das Lamm Gottes, Jesus der Weinstock - die Apostel der Weinstock! Es fehlt die heilige Scheu vor dem wahrhaftigen Sohne Gottes, es fehlt das Gebet zu ihm, den Unsichtbaren, man hat ihn ja in den Aposteln, es fehlt die ernste, demuetige Unterscheidung zwischen dem Herrn und den "unnuetzen Knechten," die er seines Dienstes wuerdigt, zwischen dem ewigen Gottessohn und uns, den Staubgeborenen, die wir erst durch seine Gnade Gottes Kinder werden. Wir wissen nicht, was bei diesen falschen Aposteln groesser ist: die Verkehrung der einfachen Schriftworte oder die ungezuegelte Schwaermerei.
Aber womit weisen sich denn diese sonderbaren Apostel aus? Die Anfaenge ihrer Geschichte in Koenigsberg, Hamburg und Braunschweig tragen, wie wir gesehen haben, nichts weniger als goettlichen Charakter. Berufen sie sich auf die H e i l i g e S c h r i f t ? Nun, wie es ihnen passt, oft genug reichlich mit recht gekuenstelter oder gewaltsamer Auslegung, aber der Beweis aus der Schrift, dass man nach den Aposteln der Urkirche noch andere wahre Apostel und zwar dauernd bis ans Ende zu erwarten habe, tritt in neuster Zeit merkwuerdig zurueck, und das "Wort von heut" wird "dem Bibelwort gleich oder noch darueber gestellt." Die "Waechterstimmen" (Nr. 64 und 62) sprechen es aus: "Wo man sich an den Buchstaben bindet und glaubt, das Christentum bestehe darin, die Bibel zu verteidigen, so haben wir oft gefunden, dass Gott solche Weise verurteilt;" weiter im Anschluss an 1. Kor. 13, 11-13: "Diese stueckweise Erkenntnis des Apostels Paulus und seiner Umgebung, seiner Zeit, kann doch nicht als vollkommene Form und Norm fuer alle Zeiten hingestellt werden! Es ist dem Boesen gelungen, die Bibel als heilig hinzustellen, das Wort von heute ist unseres Fusses Leuchte." (1) Siehe "Waechterstimmen" Nr. 63, 78, 69.) "Wenn der Apostel als Fuehrer ein Wort oder Gebot gibt, und der Bischof oder Priester will erst mal nachlesen in der Bibel, ob Moses das auch gesagt oder Paulus oder Petrus, nein, was du heute hoerest, das ist massgebend, dafuer bist du verantwortlich."(2) "Herold" Nr. 121, 4.)
Kein Wunder bei solcher Stellung, wenn man sich ueber die "Bibelheiligen" lustig macht und es einfach als Torheit bezeichnet, dass "vor kurzem ein Bibelheiliger sagte: Wenn wir die Bibel haben, dann haben wir alles." Somit sind diese Leute aus der Heiligen Schrift schwer zu ueberwinden. Gottes Wort prallt an dem "Wort von heut" ab. Dann aber ist ihre Lehre auch fuer evangelische Christen g e r i c h t e t - d u r c h i h r e S t e l l u n g z u r S c h r i f t.
Gleichwohl soll auch noch das Wort der Schrift, auf das sie sich immerhin berufen, ihre Lehre richten, und so gehen wir auf einige Stellen, die sie dafuer anfuehren, dass der Herr ausser den Uraposteln noch andere Apostel bis ans Ende der Welt senden wollte und dass er in ihnen sei, ein.
Zunaechst ist es die Schriftstelle, welche bereits die alten Irvingianer fuer sich anfuehrten: Eph. 4, 11-13. Aber diese sagt nur, dass Christus die einen als Apostel usw. g e g e b e n h a t zum Werk der Dienstleistung (griech. diakonias). Also nicht von einem bleibenden Amt ist die Rede, nicht von einer Gesetzesvorschrift, sondern von Personen und Kraeften, welche der erhoehte Heiland als Gaben geschenkt hat zur Erbauung seines Leibes. Das "bis" aber in V. 13, dem die Irvingianer eine falsche Beziehung auf V. 11 geben, gehoert zu Vers 12 und haengt ab von griech. eis oikodomen tou soomatos tou Christou - eine Erbauung soll stattfinden, bis usw. Die Neu-Irvingianer machen dazu ihre Beweisstelle selbst zunicht, indem sie schreiben (62, 7):(1) Die in Klammern ohne weitere Angabe gesetzten Zahlen bezeichnen immer Nummer und Seite der "Waechterstimmen aus Ephraim.") "Wenn aus Eph. 4, 11 nur die Form nach den toten Buchstaben gemacht wird, so ist das verwerflich, und man kann dann noch mehr Aemter anfuehren als Bischoefe, Aelteste, Helfer, Regierer usw. 1. Kor. 12, 28."
Eine fuer die Neu-Irvingianer wichtige Schriftstelle, die oft (61, 2 usw.) angefuehrt wird, ist Apg. 1: 8: "Ihr werdet meine Zeugen sein zu Jerusalem und in ganz Judaea und Samaria und b i s a n d a s E n d e d e r E r d e." Sie fassen das "bis an das Ende der Erde" zeitlich auf, waehrend es nach dem Zusammenhang und dem griechischen Wort (eoos eschaton tes ges) nichts anders als oertlich, geographisch aufzufassen ist, sei es dass man unter dem "Ende der Erde" Palaestina oder die damalige bekannte Welt zu denken hat. Mithin ist nicht gesagt, dass es Apostel so lange geben wird, bis d i e s e Erde existiere, sondern der Herr redet seine damaligen Zeugen, die von ihm persoenlich erwaehlten wahren Apostel, an und sagt ihnen, dass sie sein Evangelium in die weiteste Ferne tragen wuerden.
Ein Monstrum von Schriftauslegung findet sich in den Statuten der apostolischen Gemeinde": "Gott hat in dieser Zeit seine Engel (Boten) gesandt, um seine Kinder zu sammeln. Matth. 24, 31. Diese Engel werden Matth. 13, 39 Schnitter genannt, und diese Schnitter als Engel finden wir Joh. 4, 35-38 unter seinen Aposteln. Wenn nun zur Zeit der Herr Jesus seine Apostel sandte, die Glaeubigen aus Juden und Heiden als den Weizen von den Feldern der juedischen und heidnischen Religionsgesellschaften (genannt von Jesu "die Welt") zu schneiden, so will Gott nach dem Worte Jesu (Luk. 14, 22-23) denselben Knecht zum Sammeln und Einladen in die Scheunen der Rettung senden." Es hiesse Zeit verschwenden, wollte man auf diese seltsamen Gedankenspruenge naeher eingehen. Es genuege der Hinweis, dass Matth. 24, 31 nicht im allgemeinen von "Boten" handelt, noch weniger von neuen Aposteln, sondern von den heiligen Engeln Gottes, welche n a c h der Zeit der Truebsal (V. 29), n a c h der Wiederkunft des Herrn (V. 30) gesendet werden. Und dass die Zeit der Truebsal schon vorueber sei, die Wiederkunft des Herrn schon stattgefunden habe, behaupten ja selbst Niehaus und Genossen nicht.
Auf derselben Linie liegt der Beweis aus Offb. 7, 2-8. (Nr. 70, 5.) Da heisst es: "Ich sahe einen Engel kommen vom Aufgang der Sonne, der hatte das Siegel des lebendigen Gottes und schrie mit grosser Stimme: haltet die Winde fest, bis das wir versiegeln die Knechte unseres Gottes an ihren Stirnen usw." Engel seien Diener, und sehr oft wuerden Diener Gottes Engel genannt, z.B. Johannes der Taeufer, von dem es Mal. 3 heisse: "Siehe, ich sende meinen Engel vor dir her." "So sind doch wohl die Apostel die ersten Engel und Diener Jesu." Gestuetzt wird dann die Behauptung dadurch, dass sich in unsrer Zeit die "Versiegelung", welche nach ihrer Meinung auch die alten Apostel und nur die Apostel ausgefuehrt haben, in keiner kirchlichen Gemeinschaft finde als nur in der "apostolischen Kirche". Also weil die neuen Apostel der Irvingianer eine kirchliche Handlung vornehmen, welche sie "Versiegelung" nennen, sind sie gleichwertig den Uraposteln und dem Engel in der Offenbarung!
Eine gern angefuehrte Stelle ist auch Luk. 11, 49. Man argumentiert dann: Der Heiland haette zwoelf Apostel schon erwaehlt (Luk. 9, 1) und haette d a n a c h gesagt: "Ich werde senden Apostel und Propheten," somit haette er auf eine weitere Sendung, also auch auf die Apostel der Neuzeit hingewiesen. Woertlich heisst die Stelle: "Darum h a t auch die Weisheit Gottes gesagt: "Ich werde zu ihnen senden." Der Herr fuehrt hier also ein Wort an, das der V e r g a n g e n h e i t angehoert, nicht sagt er von sich: "Ich werde senden." Gemeint ist (1) Vgl. Kommentar von Strack-Zoeckler (Noesgen) zu der Stelle.) die vor Gott von Anbeginn (nach Sprichw. 8, 30) "spielende Weisheit" (vgl. auch Spr. 8, 1), der allezeit das Richtige treffende und beschliessende Gotteswille. Die Ausfuehrung des Beschlusses liegt jetzt, d.h. zur Zeit Jesu vor. Ausserdem ergibt sich aus dem Zusammenhang (V. 50), dass an eine Sendung von Aposteln in der Neuzeit unmoeglich gedacht sein kann.
Schliesslich weisen sie darauf hin, dass es in der ersten Christenheit ausser den Zwoelfen noch andere Apostel wie Paulus und Barnabas gegeben habe, aber damit ist, wie wir noch spaeter sehen werden, fuer die Folge- und Endzeit nichts bewiesen.
Mit diesen Stellen sind nun aber auch die hauptsaechlichsten Belege, welche die Neu-Irvingianer fuer die Dauer des Apostelamtes bis ans Ende anfuehren, erledigt. Oder sollen wir es noch ernst nehmen, wenn sie schreiben (77, 8): "Jesus bat zur Zeit fuer seine Apostel und fuer die, die durch der Apostel Wort an Jesum glauben werden, Jesus sagte zu seinen Aposteln: Vater, ich bitte auch fuer die, die durch das Apostelamt an mich glauben" (66, 3)? Soll man es ernsthaft nehmen, wenn Priester der "apostolischen Gemeinde" zu behaupten wagen, Jesus habe fuer die Apostel gebeten: "dass du sie bewahrest und nicht von der Welt nehmest, Vater, ich bitte, dass du sie behaltest, bis dass ich wiederkomme," er habe gesagt: "ich will meine Boten senden, zu sammeln meine Auserwaehlten, ehe denn ich komme!" Man braucht sie bei diesen Willkuerlichkeiten oder Verdrehungen nur zu fragen: "Wo steht das geschrieben?" Dann sieht man sie unnuetz herumblaettern in der Bibel. Sie werden verlegen oder bringen leeres Gerede vor. Aber der Zweck ist bei den unwissenden Zuhoerern, die leider ihre Bibel nicht gut genug kennen und sich von jedem Schwaetzer bekoeren lassen, erreicht.
Und in das Fleisch dieser Apostel soll der Herr Jesus gesandt sein! Dafuer fuehren sie (81, 1) zunaechst 1. Joh. 4, 2 und Hebr. 13, 8 an: "Den Geist sollen wir daran erkennen, dass er bekennt Christus im Fleische" (1. Joh. 4, 1) und zwar nicht nur einst, sondern auch heute, immer denselben, wie auch Paulus sagte: "Jesus Christus, gestern und heute und derselbe in alle Ewigkeit." Dazu kommt das bereits oben angefuehrte Wort 1. Tim. 3, 16: "Gott ist geoffenbart im Fleisch." Man sieht, wie man diesen Schriftstellen, welche von dem einmal Mensch gewordenen Sohn Gottes handeln, der den wechselnden Lehrern und den mancherlei Lehren gegenueber in seinem innersten Wesen immer derselbe bleibt in seiner Gnade und Treue, Gewalt antut. Dass aber Jesus seiner menschlichen Daseinsform, dem Fleische nach, immer derselbe geblieben, steht nicht da, ist auch im Sinne der Neu-Irvingianer nicht wahr, denn die Christenheit hat die Jahrhunderte hindurch ohne Apostel bestanden.
Eine beliebte Stelle, aus der man das, was man haben will, auch herausliest, ist Apg. 3, 26: "Der Apostel Petrus," heisst es "Waechterstimmen" 66, 1, "sagte einst zu den Juden Apg. 3, 26: Gott hat sein Kind Jesum aufgeweckt und zu euch gesandt - doch weiss jeder, dass Jesus nicht im verklaerten Auferstehungsleibe zu den juden gesandt ist. Nach seiner Auferstehung hat er mit keinem unglaeubigen Juden gesprochen, sondern nur mit seinen Glaeubigen. Somit ist das auferweckte Kind Jesum (!) doch wohl in der Knechtsgestalt in den gesandten Aposteln zu den Juden gesandt." Auch mit dieser Beweisstelle ist es nichts. Nach richtiger Uebersetzung (Dr. C. Weizsaecker) heisst es Apg. 3, 26: "euch zuerst hat Gott seinen Knecht Jesus aufgestellt und abgesandt euch zu segnen durch Bekehrung eines jeden von euren Bosheiten." Der Ausdruck, den Luther mit "auferweckt" uebersetzt (griech. anastesas), ist hier bei der offenbaren Beziehung auf V. 22 nicht von der Auferweckung aus dem Tode, sondern von dem Erstehenlassen zum Leben und Wirken gemeint, welches sich in der Sendung des Messias vollzogen hat. Also nicht eine Taetigkeit, die der im verbum finitum (griech. apesteilen) bezeichneten vorangeht, ist gemeint, sondern eine Taetigkeit, in der sich das verbum finitum selbst vollzieht. (1) Vgl. Meyers krit. exeg. Kommentar ueber das N.T. - Apg. von D. Wendt.) Jesus, der in der Erfuellungszeit Erschienene ist der "Aufgestellte und Gesendete," nicht er in den Aposteln, nachdem er vom Tode auferweckt worden ist.
Die abschreckendste Bibelerklaerung aber, welche sich die neuen Apostel nach dieser Richtung gestatten, ist wohl die auf Grund von Matth. 24, 24 gegebene. "Wenn Jesus," heisst es in den "Waechterstimmen" 83, 4, "vor falschen Christussen und falschen Propheten warnt, dann muessen w a h r e C h r i s t u s s e u n d P r o p h e t e n d a s e i n , sonst ist die Warnung eine ganz ueberfluessige, das werden wir aber doch nicht glauben, dass Jesus in den Wind geredet hat." Im Zusammenhang damit zieht man folgende Schluesse (83, 4): "In einem Lande oder unter einem Volke, wo es ueberhaupt keine Muenze (Geld) gibt, da kann es auch kein falsches geben, denn ein jeder weiss, es besteht kein Geld, somit ist die Warnung ganz ueberfluessig. Denn wenn es gar kein Geld gibt, kann auch falsches Geld nicht fuer wahres ausgegeben werden. Erst wenn wahres Geld im Umlauf ist und gebraucht wird, ist die Warnung gerechtfertigt: Huetet euch vor falschem Gelde! Wenn das Wahrheit ist, wie man oft hoert: es gibt ueberhaupt keinen Christus mehr, auch keine Propheten, dann ist die Warnung vor dem falschen Christus und den Propheten ueberfluessig. Erst muss das Wahre da sein, dann erst ist die Warnung gerechtfertigt: "huetet euch vor dem Falschen."
Zunaechst interessiert und - schmerzt die Behauptung von dem Dasein der "wahren Christusse," und an ihr merken wir, wie notwendig des Heilandes Mahnung war: "So alsdann jemand zu euch wird sagen: Siehe, hie ist Christus oder da, so sollt ihr's nicht glauben" (Matth. 24, 23). Sein prophetischer Blick hat die Bewegung der Neu-Irvingianer vorausgesehen, und sein Wort hat vor ihr gewarnt. Aber auch der ganze Beweis ist hinfaellig. Wenn sie mit ihrem Beispiel von einem mit Muenze voellig unbekannten Volke dartun wollen, dass die Christenheit nicht imstande sei, falsche "Christi und Propheten" zu erkennen, eben weil ihr der Begriff der echten Gottgesandten fehle, so trifft das den Tatbestand nicht; denn w i r k e n n e n d e n e i n e n w a h r h a f t i g e n C h r i s t u s und das Bild der wahren Apostel und wissen von dieser Kenntnis aus sehr wohl falsche "Christusse und Apostel", wie sie sich in Niehaus und Genossen darstellen, zu beurteilen.
Was ist denn das Besondere der w a h r h a f t i g e n Apostel Jesu Christi? Dreierlei kann man auf Grund der Heiligen Schrift anfuehren.(1) Siehe die wertvollen Auseinandersetzungen in der "Allg. ev-luth. Kirchen-Zeitung," 18. Jahrg. Leipzig 1885. S. 1100, aus denen die im folgenden genannten drei Punkte entnommen sind.)
1. "Der Beruf jener war Grundlegung der Kirche. Eph. 2, 20; Roem. 15, 20 f. Der Grund derselben aber ist gelegt." Will man jetzt, wo das Haus bald seinen Abschluss findet, noch einmal Grund legen?
2. "Jene mussten Zeugen des Auferstandenen sein. Apg. 1, 22 und 1. Kor. 9, 1; wobei die richtige Frage zu beachten ist: "Bin ich nicht ein Apostel? habe ich nicht den Herrn Jesum gesehen?" Darum ist er Paulo erschienen, diesen "Aposteln" der Neuzeit nicht.
3. Jene waren unmittelbar von Christo erwaehlt, selbst Matthias deshalb durchs Los, Paulus durch unmittelbare Berufung Jesu Christi; die Wahl dieser n e u e n Apostel aber ist durch Menschen, durch angebliche Propheten, vermittelt, obgleich auch sie das Paulinische Wort: "noch durch Menschen," Gal. 1, 1, auf sich anwenden, aber missbraeuchlich.
Freilich fuehren nun die Irvingianer solche Apostel der alten Kirche an, von deren unmittelbaren Erwaehlung durch den Herrn nichts berichtet wird. Sie nennen Barnabas - Apg. 14, 14 - auch Andronikus und Junias - Roem. 16, 7; - aber die letzteren duerften sofort hier ausscheiden, wenn das griech. episemoi en tois apostolois Roem. 16, 7 richtig mit "ruehmlichst bekannt im Kreise der Apostel" uebersetzt wird. Die Frage mit Barnabas lassen wir ruhig offen. Moeglich, dass der Herr wie den Paulus auch ihn unmittelbar berufen hat. Vielleicht aber hat bei ihm die Bezeichnung Apostel im w e i t e r e n Sinn zu gelten, wie auch wir von dem "Apostel der Deutschen" oder von Missionaren reden, die als Sendlinge auch mit dem Namen Missionar, Apostel bezeichnet werden koennen. Wie es nach 2. Kor. 11, 13 und anderen Stellen scheint, ist das Wort Apostel in den ersten Zeiten auch in weiterer Beziehung auf Abgesandte d e r G e m e i n d e n (griech. apostoloi ekklesioon (2. Kor. 8, 23 - vergleiche Gegensatz bei Paulus: "Apostel Jesu Christi," Eph. 1, 1 und "nicht von Menschen, auch nicht durch Menschen" Gal. 1, 1), Wanderlehrer, auf solche angewendet worden, welche grundlegend von Christo zeugen,(1) Vgl. Cremer, Bibl. theol. Woerterbuch der neut. Graecitaet, Artikel griech. apostolos.) aber dann kommt ihnen auch nicht die volle Autoritaet der vom Herrn selbst erwaehlten Apostel zu. Doch wie es sein mag, muessten wir anerkennen, dass der Herr fuer die ersten Zeiten noch mehr Apostel berufen hat, als wir zu zaehlen gewohnt sind, so waere das verstaendlich fuer die Zeit der Gruendung der Kirche und ermoeglicht durch die Qualitaet der Juenger, von denen fuenfhundert Brueder auf einmal den auferstandenen Herrn gesehen haben (1. Kor. 15, 6), aber fuer die sogenannten Apostel der Neuzeit, welche den Herrn Jesum nicht gesehen haben, folgt nichts daraus. "Bin ich aber durch die neutestamentliche Schrift nicht angewiesen, neue Apostel zu erwarten, so kann ich auch solche nicht annehmen, und das um so weniger, je weniger bei diesen zutrifft, was doch von den alten gelten musste."(1) Allg. ev.-luth. Kirchen-Zeitung a.a.O.)
Ist so den Neu-Irvingianern der Beweis aus der Schrift nicht gelungen, so meinen sie ihn aus ihren Erfolgen bringen zu koennen. "Ein wahrer Apostel," so sagen sie (70, 8), muss sich legitimieren koennen durch Brief und Siegel, naemlich Gemeinden erfuellt mit dem heiligen Geist und Gaben, wie auch Paulus sagte: "Ihr seid das Siegel meines Amtes, ihr seid unser Brief. 2. Kor. 3, 2." Freilich, wie weit heiliger Geist und Gaben sich in den Gemeinden befinden, bestimmen nun wieder diese neuen Apostel selbst. Bei ihnen sind sie nach ihrer Meinung natuerlich vorhanden, aber sie wissen von falschen Aposteln zu reden, insbesondere von einem "falschen Apostel, der auf dem Wege des Ungehorsams sich erhoben hatte und einen nach dem Apostelamt luesternen Mann zum Apostel gemacht, wozu die falschen Geister in Gesichten, Traeumen und Offenbarungen helfen mussten. Er wurde nach dem Gelueste seines Herzens Apostel, und ein Teil folgte ihm." Also auch hier eine Gemeinde mit Gaben und Aposteln, aber gekennzeichnet als "vom Boesen betrogen." Siehe "Waechterstimmen" 81, 5. Was ist nun die entscheidende Instanz? Wir hoeren: "Alle diese Angefuehrten sind umgekommen oder stehen als kahle unfruchtbare Baeume an dem Wege zum Exempel fuer andere. Wir haben es erlebt, dass sich falsche Apostel aufwarfen und falsche Propheten, die sich als Gotteswunder hinstellten und im falschen Geiste grosse Zeichen hervorbrachten und auch viele verfuehrten, wo sind sie aber geblieben? Es war kein Erfolg zu verzeichnen. Wo der Herr der Baumeister ist, das wird erkannt an dem Baue, dem Fortgange" (81, 5; 83, 7; 82, 8).
Mithin ist der aeussere Erfolg in der Gruendung und Ausbreitung von Gemeinden nach der Meinung der Neu-Irvingianer die entscheidende Legitimation ihrer Apostel. Im Ernst? Nun, dann haben die Mormonen mit ihren Aposteln und auch Mohammedaner mit ihrem Propheten die gleiche Legitimation, ja stehen in Bezug auf Alter und Ausbreitung groesser da als die Neu-Irvingianer. Man merkt den Einwand und sagt (83, 7): "Man wird und entgegenbringen, dass doch so viel Sekten lange bestanden haben und weiter bestehen. - Ja, lieber Leser, du hast recht, aber wisse, dass es nicht immer Tag gewesen ist. Der Tag soll es offenbar machen, wie der Bau ist." Und nun denkt man an den "Tag Jesu Christi," den Tag der Zukunft, und koennte sich in etwas damit zufrieden geben, aber sofort heisst es weiter: "Jesus in seinen wahren Aposteln will das Licht der Welt sein, und wo das Licht offenbar wird, da wird es Tag, und dann soll man achten auf die Folgen" (83, 7). Man liest und staunt. - Der ganzen Weisheit Schluss ist doch am Ende: "Wir Apostel legitimieren uns selbst, d.h. wir sagen, wir sind Apostel, und nun ist es gut; und aller Widerspruch wird einfach totgeschlagen mit dem Wort: "Wer aber anders lehrt, der ist verflucht." (Waechterstimmen Nr. 122.)
In Bezug auf die "apostolische" Organisation ist noch folgendes zu bemerken. Zu des neu-irvingianischen Apostels Schwarz Zeiten (1872) hielt man noch dafuer, dass bei dem "zweiten Leuchter" (Offb. 11, 4, nach Schwarzens Deutung der neuapostolischen Gemeinde im Gegensatz zum "ersten", der katholisch-apostolischen Gemeinde) gleichwie bei den alten Irvingianern nur zwoelf Apostel erstehen wuerden,(1) Siehe "Das Buch fuer unsere Zeit" II, 89.) auch das "apostolische Glaubensbekenntnis, enthaltend die zehn Artikel," spricht nur von einem "zwoelffachen Apostelamt", das Jesus Christus als ein bleibendes gegeben habe. Heut haben es die neuen Apostel anders beschlossen. "Wo der Same, die Glaubensfrucht sich weiter vermehrt, muessen notwendig noch mehr Apostel gesandt werden, was aber die tote Zahl 12 nicht gestatten wuerde" (62, 7). So existieren jetzt, wie schon frueher erwaehnt, bereits 17 Apostel. Die Ernennung derselben erfolgt nach Krebsens Tode ausschliesslich durch Niehaus, wobei in formeller Weise, aber auch nur formell das prophetische Amt beteiligt ist. Und das nennt man eine Berufung durch Gott den Herrn!
Sittliche Hauptaufgabe der Apostel ist es, sich in der "Einheit des Geistes" zu erhalten. "Wuerde ein Apostel sich wollen absondern von dem einheitlichen Weinstocke, wie ein Thomas, der hat kein Licht und Leben in sich, sondern muss im Dunkel des Zweifels und Unglaubens verkehren. Jesus gab seinen Geist, um Suende vergeben zu koennen, der Einheit seiner Apostel als dem Weinstocke, worin die Kraft und das Leben ist; wer sich aber als Apostel absondern wuerde von dem Weinstock, der nur einer ist, der hat die Kraft und das Leben nicht in sich, sondern wird duerre im Zweifel und Unglauben" (77, 7). Und in wem diese Einheit gipfelt, wird uns auch klar. Der Heruasgeber der "Waechterstimmen", Krebs, schrieb in seinem Blatt (60, 7) in Anlehnung an Joh. 14, 9: "Wenn der Vater unter den vielen Vaetern als "einer" offenbar werden will, dann muss unter den Aposteln auch einer sein, in denen (kann grammatisch nur " i n d e m " heissen sollen) Gott als Vater der Einheit offenbar werden will. Gott hat vom Anfang ab unter zwei Personen schon einen zum Haupt und Vater gesetzt, worin er Vater sein wollte."
So hatte sich "Vater Krebs" eine Autoritaet zurechtgebaut, wie sie kein Papst haben kann. Man blieb in der "Einheit des Geistes," wenn man in Krebs blieb. Der Heiland aber sagt seinen wahren Aposteln und Juengern: "Bleibt in m i r, und ich in euch" (Joh. 15, 4) und: "Ihr sollt niemand Vater heissen auf Erden, denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist" (Matth. 23, 9).
Krebsens Vater- oder vielmehr Herrscherstellung hat nun im vollem Umfange Niehaus angetreten. Als ihn Krebs seinerzeit zum Apostel berufen hatte, sagte er in Amsterdam am 12. Juni 1898 in einer "Predigt": (1) Aus den stenographischen Aufzeichnungen ueber Predigt und Weissagung in Amsterdam am 12. Juni 1898, abgedruckt in den "Pastoralblaettern" 1905 S. 502.) "Zur Zeit in Bielefeld war viel Klagens und besonders von den Maennern auf der Spitze des Tempels, als ich dummer Mensch und Bauer auf die Hoehe gestellt wurde. Man sagte: kann d e r Apostel sein? Wie die Welt auch sagte, nun wird es offenbar, meine Dummheit wurde an den Pranger gestellt und an den Apostel Krebs gesandt: dies und das hat er getan, er stoesst sich an alle Steine." Jetzt ist er der "Vater" und "Einheits-Apostel", und die Seinen sagen (Herold Nr. 117, 3): "Wir stehen unter e i n e m V a t e r, der in dem einen Apostolate Christi offenbar wird, wenn auch 12 oder 15 oder noch mehr Apostel vorhanden sind, so haben wir doch keine 12 oder mehrere Vaeter, sondern nur e i n e n, wo auch das Bibelwort sagt: Haben wir nicht alle einen Vater, hat uns nicht ein Gott erschaffen? Somit bezeugen alle Apostel, alle Brueder, alle Kinder e i n e n V a t e r, der nicht auf dem Throne sitzt, sondern der fuer das Brot sorgt, der die Familie versorgt, der somit der erste Diener und Lasttraeger der Familie oder Gemeinschaft ist. Dieser Vater ist Gott, der aber in seiner Vaterschaft, in seinem Vaterwillen, in seiner Vaterliebe offenbar wird in einem Apostel unter den Aposteln." Niehaus selbst sagt dazu (Waechterstimmen 117): "Das Werk Gottes ist keine Demokratie, sondern steht unter e i n e m Haupt" und leistet sich dann den sophistischen Satz: "Wenn dies eine Haupt (Christus) unsichtbar ist, nur in der Phantasie besteht, dann kann man tun, was man will. Und so ist es in dieser Zeit auf kirchlichem Gebiet." Wie? besteht das, was unsichtbar ist, nur in der Phantasie? Und ist das wahr, dass man auf kirchlichem Gebiet tun kann, was man will? U n s ist der unsichtbare Jesus Christus kein phantastisches Gebilde, so wenig wie der unsichtbare Gott, die eigene Seele und die unschtbare Welt der Ewigkeit, und wir merken es in unserer evangelischen Kirche, dass von dem u n s i c h t b a r e n Haupt der Kirche belebende, heiligende Kraft ausgeht. Es muss furchtbar in dem "sichtbaren Christus," dem Haupt der "apostolischen Gemeinde" aussehen, wenn dies Haupt (Niehaus) sagen kann (Waechterstimmen 130, 5): "Wenn heute so viel sind, die mich Vater nennen und wohl den, der in mir ist, ebenso denselben auch ihren Herren heissen, so muss ich aber dazu sagen: was nicht aus dem Geiste Jesu, aus mir, ist, da bekenne ich mich nicht zu." Und 131, 7: "Wenn wir euch nicht die Suende vergeben, Gott vergibt euch lange nicht. Gott kann euch nicht erloesen, ihr habt euch an uns versuendigt. Nun sind wir der sprechende Mund, aber auch der Fuersprecher bei dem Vater." Wem ist nicht bange um die Seele eines suendigen Menschen, der sich selbst so hoch erhoeht? Da kann der tiefe Fall nicht ausbleiben, ja er ist schon eingetreten. Aber die uebrigen "Apostel" folgen blind dem blinden Blindenleiter und wirken immer "im Segen ihres Senders und Vaters."
Waehrend die Apostel "nicht von den Menschen, sondern von Gott gesandt sind," sind "sonst alle uebrigen Aemter und Diener durch die Apostel gesandt." So lesen wir in den "Waechterstimmen" (79, 6). Das v i e r f a c h e Amt, welches die alten Irvingianer auf Grund von Eph. 4, 11 meinten betonen zu muessen, haben die Neu-Irvinginaner fallen lassen. Das waere nur "Form nach den toten Buchstaben." Und so haben sie ausser Aposteln, Propheten, Evangelisten und Hirten, zumeist "Priester", im gewoehnlichen Verkehr "Brueder" genannt, noch Siebenziger (Apostelhelfer), Bischoefe, Bezirks-Aelteste und Gemeinde-Aelteste, welche im Range von Oberpriestern stehen, dazu Diakonen und Unterdiakonen, Laeufer und Tuerhueter. Das Amt der "Siebenziger" - wohl in Anlehnung an Luk. 10, 1 - ist erst in den letzten Jahren von Krebs geschaffen; die Bischoefe und Bezirksaeltesten haben einen groesseren bezw. kleineren Bezirk von Gemeinden unter sich, sollen in gewisser Beziehung die Apostel vertreten und "mit den ihnen zur Huelfe gegebenen Aemtern als Evangelisten, Hirten, Propheten, Diakonen und Diakonissinnen die anvertraute Herde zu erhalten suchen, sollen aber nicht selbstaendig handeln, sondern sich als Verwalter ansehen, die den Aposteln Rechenschaft schuldig sind" (2, 1). Insbesondere haben sie darauf zu sehen, dass die ihnen "zur Huelfe gegebenen Aemter nicht ihre eigenen Ansichten in der Gemeinde aufbauen," sonst werden sie selbst "zu schanden" (2, 2). Niehaus sagt: "Die Schafe sind nur den Aposteln anvertraut und keinem Bischof, Aeltesten noch Priester. Sie sollen die Apostelschafe nur weiden." (133, 3.) Die G e m e i n d e - A e l t e s t e n sind die ersten Priester groesserer Gemeinden. Die Diakonen und Diakonissen, welche unter dem Priesteramte stehen, haben ueber die Gemeindeglieder zu wachen; den Unter-Diakonen und Tuerhuetern sind Tuerhueterdienste, Reinigung der Abendmahlsgeraete u. dgl. anvertraut. Zu den sogenannten "C h a r a k t e r a e m t e r n" gehoeren ausser dem Apostelamte das Amt des Evangelisten, Hirten (Priesters) und Propheten. Es haben naemlich nach der Psychologie der "Waechterstimmen" "die Menschen verschiedene Charaktere, deren besonders vier genannt werden als Wille, Phantasie, Verstand, Gefuehl" (1, 3). "Nach diesen verschiedenen Charakteren" sollen die Menschen "gesegnet und bearbeitet" werden. So bearbeiten denn die Apostel, denen "eine unbeschraenkte Macht in den Himmel und auf Erden gegeben" ist, den Willen; die Propheten "repraesentieren den Phantasie-Charkter," die "Evangelisten tragen den Verstandescharakter", und so werden denn wohl die Hirten den "Gefuehlscharakter" tragen. Diese vier Aemter werden durch ein Bild veranschaulicht, welches sich wohl in allen gottesdienstlichen Lokalen der apostolischen Gemeinde und stets als Kopf auf den "Waechterstimmen aus Ephraim" befindet. Es soll Offb. 4, 7 darstellen und zeigt eine Art Podium, auf dessen oberster Stufe ein Loewe sitzt. Das ist nach der Erklaerung der "Waechterstimmen" Christus im Apostelamt. Auf der zweitobersten Stufe, gebueckt unter der erhobenen Tatze des Loewen, steht, mehr einem Geier aehnlich, der Adler. Das ist "der Prophet oder Christus im Prophetenamt." Auf der dritten Stufe sitzt der "Engel oder Mensch mit Fluegeln," ein Buch in den Haenden haltend und in die Ferne sehend - das Bild des Evangelisten, und endlich auf der untersten Stufe der Ochs, das "Bild des Hirtenamtes." Da die Gemeinde Gottes Ackerwerk ist, "soll der Ochs auf diesem Acker Gottes arbeiten." Alle diese "dienenden Huelfsaemter" der Propheten, Evangelisten und Hirten sind den Aposteln oder ihren Stellvertretern, den Aeltesten, Bischoefen Verantwortung schuldig. Es wird ihnen eingepraegt, dass sie keine eigenen Ansichten zu bringen haben, "kein altes, faules Pfuetzenwasser, wie man es ja ueberall von den faulen und traegen Hirten bekommen koenne," sondern das "frische Gruen der Gegenwart, des gesandten zeitgemaessen Wortes."
Besonders der Mahnung scheinen die oft gefaehrlich werdenden Propheten zu beduerfen, die "auf die Angaben der Baumeister, der Apostel und ihrer Vertreter, hoeren" sollen (2, 3). "Das Prophetenamt mit dem vorherrschenden Phantasiecharakter erhebt sich gern ueber alle Wolken, doch muss auch der Adler sein Haupt beugen, und der Loewe hat ihn zu maessigen in seinem Fluge, damit er nicht zu seinem eigenen Verderben zu hoch komme und dann in die Tiefe hinabstuerze, wie es leider schon vorgekommen ist" (1, 6). "Nichts ist leichter moeglich und so oft schon eingetreten, als dass ein Prophet von Hochmut erfasst, sich erhaben ueber alles duenkt, selbst ueber das Apostelamt und nun von dieser babylonischen Hoehe herab andern Menschen seines Fleischeswillen, nicht den unseres Gottes diktieren will. Gott musste darum ein Amt und zwar das hoechste, nuechterne, willenskraeftige Apostelamt ueber diese Geister stellen, welche so oft flatterhaft abschweifen. Darum muss die Tatze des Loewen allezeit wachsam erhoben ueber solchen Flattergeistern stehen und sie auf den Weg des Gehorsams und der Ordnung zurueckweisen" (122, 5). Es gibt "betrogene" Propheten, die etwas reden, "wodurch auch andere betrogen werden," die dann selbst "wieder betrogen werden durch falsche betruegerische Geister und Ansichten; Gott gibt ihnen kraeftige Irrtuemer, damit sie der Luege glauben" (69, 3). Unwillkuerlich denkt man wieder an die geschichtlichen Anfangen dieser Leute, an die durch die "Propheten" erfolgten Apostel-Ernennungen, und sagt sich: hier malen sie ihr eigen Bild. Es waren also doch wohl "betrogene Propheten" und "Flattergeister", welche sich gegen die alten englischen Apostel und dann wieder gegen den Apostel Gueldner auflehnten; aber diese neuen Krebs-Apostel wie Niehaus und Konsorten stellen dann alles auf den Kopf und wagen zu sagen: "Wir sind von Gott gesandt."
Die Zahl der Traeger des Propheten a m t e s scheint eine sehr beschraenkte zu sein. "Jedes Glied kann weissagen, aber nicht das Amt des Propheten tragen" (62, 8). Bin ich recht berichtet, so hat jeder Apostel einen Propheten bei sich. Wie ein solcher in Taetigkeit tritt, ist aus einer stenographischen Aufzeichnung zu ersehen, welche ein Neu-Irvinginaner von dem Hergang einer am 12. Juni 1898 zu Amsterdam vollzogenen Apostelwahl gemacht hat.(1) Die Schilderung der Wahl findet sich in der "Allg. ev.-luth. Kirchenzeitung" 1898. Nr. 35. S. 838 ff., neuerdings vollstaendiger abgedruckt in den von Lic. Neuberg herausgegebenen "Pastoralblaettern" Mai 1905 (8. Heft) S. 498 ff.) Der Apostel Krebs spricht ein Gebet: "Lieber Vater, dein Knecht und Apostel mit deinen Knechten und Aposteln steht hier vor dir. Die Zeit als die gegenwaertige, als eine erfuellte Zeit, verlangt in deinem Lichte nun auch deinen Kindern zu geben, was noetig ist. Die gemachte Erfahrung bedingt, dich zu bitten und zwar unter dieser Bedingung, dass auch dein Knecht mit deinen Aposteln die Hand auflege so circa ein Jahr noch darueber haelt, damit die Pflanzen gedeihen und auch deine Kinder wiederum sich freuen koennen